Auf den Spuren Luhmanns

Ein Beitrag von Luisa Lamm und Julian Obertopp

Auf den Spuren Luhmanns – Ein Stadtspaziergang

Der bekannteste Sohn Lüneburgs?

Zwischen mittelalterlichen Häusern, Backsteingiebeln, dem Fluss Ilmenau, der heute bekannten Kneipen- und Restaurantmeile und dem historischen Wasserviertel wurde Niklas Luhmann vor fast 100 Jahren geboren. Als Sohn einer Brauereifamilie wuchs er in den 1930er Jahren in Lüneburg auf. Er studierte Rechtswissenschaften an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg und erhielt ein Fellowship-Stipendium an der Harvard Universität in Boston. An der Universität Bielefeld stellte er den wohl legendärsten Projektantrag: Forschungsvorhaben „Theorie der Gesellschaft“, 30 Jahre, keine Kosten. Dort wirkte er entscheidend am Aufbau der ersten soziologischen Fakultät im deutschsprachigen Raum mit und lehrte und forschte an dieser bis zu seiner Emeritierung. Als Redner war Niklas Luhmann beliebt, besonders in internationalen Hörsälen. Er war redegewandt, sprach deutsch, englisch und französisch, hielt sich privat jedoch aus der Öffentlichkeit zurück und pflegte nur wenige soziale Kontakte. Dafür vergrub er sich lieber in der Wissenschaft und verfolgte seine soziologische Neugierde, die bis hin zu teilnehmenden Beobachtungen von LSD-Trips und Bibliotheksorgien reichte.

Das Historische Wasserviertel Lüneburgs © Lamm

Heute gilt er als der bekannteste deutschsprachige Soziologe und Vertreter der Systemtheorie, eine der letzten Universaltheorien. Die Systemtheorie begreift Gesellschaft als ein auf Kommunikation basierendes System, das ermöglicht, sämtliche Bereiche der modernen Gesellschaft zu beschreiben und in ihrer Struktur zu verstehen. Dabei gliedert er das Gesellschaftssystem in verschiedene Teilsysteme und unterscheidet zwischen psychischen und sozialen Systemen. Luhmann geht davon aus, dass jedes gesellschaftliche System eine Struktur beinhaltet, die sich auch in allen anderen Systemen, wie beispielsweise der Familie, Bildung oder Massenmedien, wiederfinden lässt. Er ist dabei von der Frage motiviert, wie sich die Ordnung der komplexen und unüberschaubaren Gesellschaft der Moderne erklären lässt. Inspirieren ließ er sich unter anderem von der Systemtheorie des amerikanischen Soziologen Talcott Parsons, der die Gesellschaft bereits als ein komplexes Gefüge zwischenmenschlicher Kommunikation untersucht hat. Parsons gilt als einer der einflussreichsten soziologischen Theoretiker nach dem Zweiten Weltkrieg. Außerdem setzte sich Niklas Luhmann mit dem Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas auseinander, zu dem er eine freundschaftliche Rivalität mit ständigen Seitenhieben pflegte.

Niklas Luhmanns Systemtheorie ist heute nicht nur Grundlagenwerk in der Soziologie, sondern auch aus vielen anderen Wissenschaftsdisziplinen wie der Kommunikationswissenschaft nicht mehr wegzudenken.

Spaziergang auf den Spuren Luhmanns

In einem Stadtspaziergang unternehmen wir eine Reise zurück in die Vergangenheit und erkunden gemeinsam Niklas Luhmanns Leben in Lüneburg. Die einstündige Entdeckungstour führt uns an verschiedene Orte, die Niklas Luhmann besonders geprägt haben und an denen seine Existenz auch heute noch sichtbar ist.

Lassen Sie uns gemeinsam auf Spurensuche in Niklas Luhmanns Leben gehen und Lüneburg mit anderen Augen entdecken!

Startpunkt: Salzstraße Am Wasser 1a, Lüneburg

Endpunkt: Pons, Salzstraße Am Wasser 1, Lüneburg

Dauer: etwa 1h

 

 

 

 

 

 

Unsere Spurensuche beginnt dort, wo auch Niklas Luhmanns Leben begann – bei seinem Geburtshaus in der Salzstraße Am Wasser 1a. Direkt am alten Salzhafen und am Fluss Ilmenau wurde Niklas Luhmann am 8. Dezember 1927 als ältester Sohn einer Brauereifamilie geboren. Zusammen mit seinen Eltern Wilhelm Luhmann und Dora Gurtner und seinen Brüdern Heinrich und Dieter wuchs er in der Salzstraße Am Wasser auf. Als Unternehmerfamilie mit eigenem Brauereibetrieb zählten die Luhmanns neben Sülfmeistern und Heringskaufleuten zu den angesehensten Bürgern der Stadt. Von klein auf prägte ihn die liberale Erziehung seiner Eltern und förderte sein Bedürfnis nach sozialer Gerechtigkeit und Gleichverteilung. Neben wohlhabenden Familien wohnten auch viele sozial schwache Lüneburger im Wasserviertel. Anstatt draußen am Wasser zu spielen, war Niklas Luhmann schon als Kind mehr an wissenschaftlichen Büchern über die Menschheitsgeschichte interessiert und entwickelte ein System, um den finanziell benachteiligten Kindern zu helfen. Dabei zahlte jeder, der konnte und wollte, zehn Pfennige in ein Sparbuch ein, das Luhmann verwaltete und an die Kinder weitergab.

  • Niklas Luhmanns Geburtshaus in der Salzstraße Am Wasser © Lamm
    Niklas Luhmanns Geburtshaus in der Salzstraße Am Wasser © Lamm

Das Gebäude aus dem 16. Jahrhundert beeindruckt mit seinen braunen Backsteinen und ist mittlerweile seit fünf Generationen im Besitz der Familie Luhmann. Besonders auffällig ist die aufwendig gestaltete, blaue Holztür, die in einem runden Türbogen eingelassen wurde. Von dort sind es nur ein paar Schritte zum Wasser der Ilmenau und zur wohl beliebtesten Lüneburger Fotokulisse auf der Lüner Brücke, auf der sich vor allem im Sommer Anwohner und Besucher gleichermaßen tummeln. Die Aussicht auf den Kran, die historischen Gebäude und alten Salzboote dienen mit ihrer Schönheit heute als Postkartenmotiv der Stadt Lüneburg. Während Luhmanns Kindheit waren sehr viele Geschäftsleute im Wasserviertel unterwegs, die Handel über den Hafen trieben. Die Lüner Brücke stellte dabei die Verbindung zwischen dem Hafen und der Altstadt Lüneburgs dar, weshalb sie auch heute noch als Tor zur Altstadt bezeichnet wird.

Für einen Blick auf die ganze Pracht des Luhmann’schen Anwesens gehen wir nun einige Schritte weiter, zum Ende der Salzstraße Am Wasser und biegen bei der Gastwirtschaft „Pons“ nach rechts in die Lüner Straße ein.

Die ehemalige Brauerei der Familie Luhmann © Lamm

Die Brauerei der Familie Luhmann erstreckt sich vom „Pons“ nach hinten bis zur nächsten Kreuzung. Das Anwesen nimmt einen ganzen Häuserblock ein und ist somit eines der größten im Hafenviertel. Niklas Luhmanns Großvater Heinrich führte das Unternehmen erst als Familienbetrieb, bis er Ende des 19. Jahrhunderts expandierte und Angestellte beschäftigte. Erst im 15. Jahrhundert hat sich das Brauwesen zum Gewerbe entwickelt und verstärkte den sozialen und politischen Einfluss der Familie Luhmann. Nach Heinrichs Tod übernahmen Niklas Luhmanns Vater Wilhelm und sein Bruder Karl die Brauerei und verpachteten die Gastwirtschaft erstmals außerhalb der Familie. Seitdem gehörten sie endgültig zum gehobenen Bürgertum Lüneburgs. Wilhelm Luhmann hielt seine Familie, insbesondere seine Kinder bewusst vom Betrieb fern, weshalb die Brauerei und Gastwirtschaft keine großen Rollen im Leben Niklas Luhmanns spielten. Nach seinem Studium musste er gelegentlich aushelfen, verstand jedoch nicht viel vom Brauen.

Heute erinnert kaum etwas am Backsteingebäude an die Vergangenheit als Brauerei. Die Briefkästen und Hinweisschilder an der Eingangstür zeigen, dass nun ein Ingenieurbüro und Software- und Consultingunternehmen die Brauerei als Büro und Firmensitz nutzen. Über der Haustür an der Fassade ist ein Schild verankert: Lüneburger Braunbier Brauerei H. Luhmann. Außerdem weist eine vom Merlin Verlag gestiftete Tafel an der Hauswand auf die Geschichte des Gebäudes sowie auf die Verbindung zur Familie Luhmann hin.

  • Altes Brauereischild der Lüneburger Braunbier-Brauerei H. Luhmann © Lamm
    Altes Brauereischild der Lüneburger Braunbier-Brauerei H. Luhmann © Lamm

Drehen wir uns nun einmal um 180 Grad in Richtung Lüner Brücke und biegen davor nach rechts in die Straße „Am Stintmarkt“ ein. Wir folgen der Straße bis zum Ende und halten uns auf der linken Seite, bis wir die Ilmenaustraße erreichen. Dann gehen wir entlang der Ilmenau in Richtung Süden bis zur Altenbrückertorstraße. Schließlich biegen wir rechts ab, laufen entlang der St. Johanniskirche und biegen wieder nach links in die Kalandstraße ein.

Das sonnengelbe Gebäude auf unserer linken Seite ist heute die Oberschule am Wasserturm, eine Ganztagsoberschule. Zu Zeiten von Luhmanns Kindheit war hier das Johanneum, das traditionsreichste Gymnasium der Stadt Lüneburg und eine der ältesten Schulen im deutschsprachigen Raum. Direkt am Clamartpark und Wasserturm ging Niklas Luhmann zur Schule. Nachdem er die vierte Klasse übersprungen hat, wechselte er schon mit neun Jahren auf das Johanneum und war damit der Jüngste in seiner Klasse. Durch die liberale Erziehung seiner Eltern war er Institutionen gegenüber skeptisch und ging nicht gerne zur Schule.

Die unter Denkmalschutz stehende Oberschule am Wasserturm © Lamm

Nach und nach veränderten sich die Ideen und Leitbilder des Gymnasiums hin zu nationalsozialistischen Ideologisierungen, die sich auf den Schulalltag und den Unterricht auswirkten. Die gesamte Schülerschaft und damit auch Niklas Luhmann gehörten bald dem Jungvolk und der Hitlerjugend an. In Luhmanns Klasse, einer reinen Jungenklasse, wurden Rassenlehre und Germanentum vermittelt. Dazu gehörte auch das Singen des Deutschlandliedes und der Hitlergruß zur Begrüßung. Mit eigenen Augen erlebte Niklas Luhmann die Verfolgung und Unterdrückung der Lüneburger Juden, lief fast täglich an geplünderten und leerstehenden Läden vorbei, die einmal jüdischen Familien gehört hatten. Er ging auf Distanz zum Nationalsozialismus und positionierte sich nicht nur privat, sondern auch in der Schule klar dagegen. Weil er im Unterricht die Motive der Nationalsozialisten und des Franco-Regimes infrage stellte, wurde sein Vater sehr oft zum Gespräch eingeladen.

Als Niklas Luhmann mit nur 15 Jahren gemustert und für tauglich befunden wurde, wurde der Krieg schließlich zum Alltag für ihn. Jeden Vormittag musste er drei Stunden zur Kriegsvorbereitung, bis seine Klasse schließlich in die vormilitärische Ausbildung entlassen und er zwei Jahre später an die Front einberufen wurde. Als Luftwaffenhelfer war er auf Flugplätzen in Lüneburg, Stade und Rotenburg im Einsatz. 1945 landete Luhmann in der amerikanischen Kriegsgefangenschaft, wurde jedoch wegen Minderjährigkeit vorzeitig entlassen und kehrte 1945 zurück zum Johanneum. Dort belegte er einen Übergangskurs, um die Hochschulreife zu erlangen und studieren zu können. Ein Jahr später schloss er diesen erfolgreich ab und verließ Lüneburg, um Rechtswissenschaften an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg zu studieren. Er sah die Wissenschaft als Möglichkeit, sich frei von politischer Einflussnahme und Ideologie bewegen zu können.

Die gelbe Fassade erinnert kaum an die dunkle Vergangenheit der Schule. Das prächtige Gebäude ragt hoch in den Himmel, bis über die Baumspitzen hinaus, und beeindruckt mit großen Bogenfenstern. Seit Luhmanns Kindheit hat sich dort vieles verändert. Das Johanneum ist umgezogen und befindet sich nun weiter außerhalb der Stadt Lüneburg. 2014 zog die Oberschule am Wasserturm auf das Gelände, zu der auch das Kalandhaus und der Wasserturm gehören. Die Nähe zum Clamartpark, zur Ilmenau und zur Altstadt bietet einen guten Standort für eine Schule. Als Schmuckstück der Stadt Lüneburg befindet sich das Gebäude heute unter Denkmalschutz.

Weitere Informationen über Niklas Luhmann als Schüler des Johanneums und die dunkle Vergangenheit der Schule finden Sie auf der Webseite des Johanneums.

Das Gebäude der heutigen Oberschule am Wasserturm wurde 1872 erbaut © Lamm

Zur nächsten Station in Luhmanns Leben geht es nun quer durch den Clamartpark. Dafür passieren wir den Parkplatz der Oberschule, biegen nach rechts und gehen zum anderen Ende des Parks. Nach einer Linksbiegung folgen wir der Straße bis zu großen Ampelkreuzung. Wir überqueren diese und laufen weiter geradeaus auf der Barckhausenstraße, bis diese von der Kefersteinstraße gekreuzt wird. Wir biegen nach rechts in die Kefersteinstraße ein und folgen ihr bis zum Ende. Nach einer weiteren Linksbiegung laufen wir entlang der Uelzener Straße und erreichen nach etwa 400 Metern auf unserer Linken das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht.

Nach seinem Studium in Freiburg kehrte Luhmann 1949 nach Lüneburg zurück und absolvierte seine Referendariatszeit in einer Lüneburger Kanzlei, am Amtsgericht und am Oberverwaltungsgericht Celle. Nebenbei half er in der Mälzerei seines Vaters aus, obwohl er vom Handwerk kaum etwas verstand. Während dieser Zeit entwickelte er seinen berühmten Zettelkasten, in den er auf rund 90.000 Zetteln seine Gedanken und Überlegungen einsortierte. Der Schrank mit den verschiedenen Karteikästen und Schubfächern aus Holz diente Luhmann als zweites Gehirn und wird als Pendant zum heutigen Computer und Internet bezeichnet. Heute steht der Zettelkasten an der Universität in Bielefeld steht und ist nun auch digital einsehbar.

Mit dem Abschluss seines zweiten Staatsexamens wurde Luhmann vollgültiger Jurist und fand eine Stelle als Verwaltungsassistent am Lüneburger Oberverwaltungsgericht. Hinter den Mauern des kastenförmigen Backsteingebäudes, gegenüber vom Kurpark, begann Niklas Luhmann sich mit Registern und Ordnungen auseinanderzusetzen. Er entwickelte schließlich ein System, das unveröffentlichte Gerichtsentscheide sortierte. Das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg prägte Niklas Luhmann in seiner Arbeit und diente somit als Sprungbrett für seine Karriere.

  • Das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht in Lüneburg © Lamm
    Das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht in Lüneburg © Lamm

Drehen wir nun dem Backsteingebäude, den Buchsbäumen und Blumen im Vorgarten des Oberverwaltungsgerichts den Rücken zu, überqueren die Stra-ße, gehen einige Schritte nach links und begeben uns in den Kurpark. Wir halten uns rechts und durchlaufen den Kurpark in Richtung Norden. Den Weg entlang baumgesäumter großflächiger Rasenflächen, Blumenwiesen und vieler Parkbänke lädt ein zum Verweilen und Nachdenken über das, was wir bisher über Niklas Luhmanns erfahren haben.

Am Ende des Kurparks biegen wir nach rechts und erreichen eine weitere Ampelkreuzung. An dieser gehen wir nach links und folgen der Sülztorstraße weiter in Richtung Norden bis zum Lambertiplatz. Diesen überqueren wir und biegen nach rechts in die Heiligengeiststraße. Wir folgen ihr, bis wir den Platz „Am Sande“ erreichen, einer der zentralen Plätze der Stadt Lüneburg. Am anderen Ende des Platzes ragt die St. Johanniskirche, die wir auf unserem Weg zur Oberschule am Wasserturm bereits passiert haben, in den Himmel. Nun biegen wir allerdings nach links in die Kleine Bäckerstraße, folgen dieser bis sie in die Große Bäckerstraße übergeht und laufen am Markt-Platz entlang, einer der weiteren zentralen Plätze im Stadtzentrum Lüneburgs. Wir gehen weiter geradeaus, folgen der Großen Bäckerstraße, die in die Bardowicker Straße mündet und biegen in die nächste Straße, die Lüner Straße, nach rechts ein, bis wir wieder zur Gaststätte Pons gelangen. Am Ende der Lüner Straße befinden wir uns nun genau dort, wo auch Luhmanns Zeit in Lüneburg ihren Anfang und ihr Ende hatte.

Die Gaststätte „Pons“ in der Salzstraße Am Wasser © Lamm

Das verwinkelte Eckhaus diente der Familie Luhmann lange Zeit als Gaststätte ihrer Brauerei. Das Gebäude beeindruckt mit unterschiedlich gebrannten Backsteinen, Verzierungen, Holzelementen und einer alten Hebezug-Vorrichtung, die an frühere Zeiten erinnert. Die Verbindung der Gaststätte zu Niklas Luhmann und seiner Familie wurde insbesondere während der Jahrtausendwende deutlich, als die Kneipe von Luhmanns Sohn betrieben wurde und durch regelmäßige Literaturclubs und philosophische Abende das Lüneburger Bürgertum und studentische Publikum anlockte. Auch heute ist das Publikum ähnlich, allerdings heißt die Gaststätte nun „Pons“. Das Gebäude ist zwar noch im Besitz der Familie Luhmann, wurde allerdings anderweitig verpachtet. Somit ist das Pons eine der letzten Erinnerungsstätten an den Soziologen Niklas Luhmann und lädt zu leckeren Gerichten, Kaffee und Feierabendbier ein – ein perfekter Abschluss unseres Luhmann-Stadtspaziergangs.

Erinnerungskultur

  • Eintrag im Gästebuch des "Pons" © Lamm
    Eintrag im Gästebuch des "Pons" © Lamm

Wer genau hinschaut, entdeckt ein paar Hinweise auf Niklas Luhmanns Vergangenheit in Lüneburg, die meisten sind jedoch nicht offensichtlich. Im Gästebuch der Gaststätte „Pons“ finden sich Briefe und Einträge über den bekannten Sohn der Hansestadt Lüneburg. An einer der Wände des „Pons“ hängt sogar noch ein verblichenes Transparent mit Skizzen und Begriffen aus der Systemtheorie. Und neben dem Pons weist ein Schild am Briefkasten auf den Verbleib eines letzten Mitglieds der Familie Luhmann hin: Niklas Luhmanns Bruder wohnt bis heute im Wasserviertel und betreibt dort das Antiquariat „Pliniana“. Viel auf seinen Bruder angesprochen werde er nicht, erzählt er ganz offen. „Die Lüneburger wissen, dass ich Niklas Bruder bin, ansonsten fragt hier keiner nach“, sagt Dieter Luhmann. Einzig die Gedenktafel am Gebäude der ehemaligen Braunbier-Brauerei verrät, dass der Soziologe hier seine Kindheit und Jugend verbracht hat.

Dieter Luhmanns Antiquariat „Pliniana“

Dass Lüneburg Niklas Luhmann geprägt hat, steht außer Frage. In seiner Kindheit im alten Wasserviertel lernte er schon als kleiner Junge die Regeln des menschlichen Zusammenlebens und der Ordnung der Gesellschaft, versuchte Strukturen zu erfassen und soziale Gerechtigkeit herzustellen. Die Lüneburger Ratsbücherei öffnete ihm die Türen zu neuem Wissen, in das er sich mehr und mehr vergrub und dabei nur wenige soziale Kontakte pflegte. Die Arbeit während seiner Referendariatszeit und als Verwaltungsassistent inspirierte ihn zu seinem berühmten Zettelkasten, den er in Lüneburg entwickelte. Für Niklas Luhmanns Werdegang und Karriere war die Stadt Lüneburg auf jeden Fall von besonderer Bedeutung, ob das umgekehrt genauso ist, darüber lässt sich streiten. Die Stadt gedenkt Luhmann mit einer Straße, der Niklas-Luhmann-Straße, die sich weit außerhalb des Stadtkerns in einem Neubaugebiet befindet. Außer den Hinweisen auf die Brauerei deutet allerdings wenig darauf hin, dass Niklas Luhmann in Lüneburg geboren, aufgewachsen und zum Wissenschaftler gewachsen ist – und das in einer Stadt, die vom und für den Tourismus lebt. Auch die Leuphana Universität in Lüneburg zeigt keine Hinweise auf den 1998 verstorbenen Soziologen und seine Verbindung zur Stadt Lüneburg. Dort angestellt war er nie, bis kurz vor seinem Tod lehrte er an der Universität in Bielefeld. Luhmanns Systemtheorie allerdings lebt weiter – aus vielen Fachrichtungen und in der gesellschaftlichen Praxis ist sie heute nicht mehr wegzudenken.

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