Das Kloster Lüne

Ein Beitrag von Annette Behnk, Julia Bilowitzki und Yasemin Akkartal

Wo sich Geschichte und Gegenwart begegnen

Das Kloster Lüne, im Norden der Hansestadt Lüneburg gelegen, wurde 1172 gegründet und 1272 erstmals als Benediktinerkloster ausgewiesen. Heute wird das Kloster als evangelischer Damenstift unter Leitung der Äbtissin Reinhild von der Goltz geführt und gewährt Besuchern Einblicke in die 844-jährige Tradition des Klosterlebens.

Stadtgeschichte, Religion, Architektur, Textilkunst oder Kultur – was auch immer Sie interessiert, im Kloster Lüne werden Sie garantiert fündig! An diesem geschichtsträchtigen Ort lässt sich die Vergangenheit des einzigen Frauenklosters Lüneburgs erkunden und die Bedeutung eines solchen Klosters für die Stadt und ihre Bewohner nachvollziehen. Als Zeitzeuge handwerklicher Meisterleistungen aus der architektonischen Epoche der Backsteingotik und historischen Ereignissen wie der lutherischen Reformation oder dem Lüneburger Erbfolgekrieg lädt das Kloster zu einer spannenden Erkundungstour ein. Besonderes Highlight des Klosters ist das Textilmuseum mit seinen wundervoll gestickten Bildteppichen sowie weiteren kunsthandwerklichen Schätzen. Bei einem Rundgang durch das Kloster kann man so die Tradition der Benediktinerinnen bewundern und die besondere Atmosphäre eines mittelalterlichen Klosters erleben.

  • Kloster Lüne © Behnk/Bilowitzki/Akkartal
    Kloster Lüne © Behnk/Bilowitzki/Akkartal

Bedeutung von Klöstern im Mittelalter

Neben ihrer Bedeutung als religiöse Stätten nahmen Klöster im Mittelalter auch auf das zeitgenössische kulturelle und wirtschaftliche Leben Einfluss. Die kulturelle Bedeutung der Klöster lag vor allem darin, Zentren des Wissens und der Wissensvermehrung in einer sonst vom Analphabetismus geprägten Welt zu schaffen. Lesen, Schreiben und die Anfertigung von Büchern und anderer Schriften, wie zum Beispiel den Regelungen zum Zusammenleben in einer Glaubensgemeinschaft oder diverse Verwaltungstexte, zählten neben dem Studium der Bibel zu den alltäglichen Pflichten der Mönche und Nonnen. Eine nicht zu unterschätzende wirtschaftliche Bedeutung hatten Klöster vor allem für weltliche Herrscher. Klöster wurden von Königen und Adeligen gegründet, um die eigene Stellung an Grenzen zu eroberten Gebieten zu betonen und gleichzeitig ihr Missionierungsbestreben voran zu treiben. Die Klöster waren ihren Gönnern gegenüber zum Gebet verpflichtet. Außerdem erhoben Könige und Adelige gerne ihre Familienmitglieder zu geistlichen bzw. klösterlichen Würdenträgern, um das eigene familiäre Beziehungsgeflecht und damit den eigenen Einfluss aufrechtzuerhalten. Abgesehen davon dienten Klöster auch als Ausbildungsstätten für Familienmitglieder, denn Fähigkeiten wie Schreiben, Lesen und Rechnen konnten auch bei weltlichen Aufgaben von Nutzen sein. Darüber hinaus stellten Klöster häufig Ruhesitze für adelige Witwen und Witwer dar und dienten als Grablege und Ort des Familiengedenkens.

Die Benediktiner – die Regel des Benedictus

Das Kloster Lüne war bis zur Umwandlung in ein evangelisches Kloster 1555 ein benediktinisches Kloster. Die benediktinischen Klostergemeinschaften gehen auf den Abt Benedikt von Nursia zurück, der die älteste Form christlicher Klostergemeinschaften in seiner „Regula Benedicti“ nieder schrieb. Die „Regula Benedicti“ verzeichnet Regeln für das Zusammenleben einer klösterlichen Gemeinschaft, wie zum Beispiel über Kleidung, Ernährung, Gestaltung des mönchischen Tagesablaufes, die Hierarchien innerhalb eines Konvents sowie Regelungen für den Umgang mit Konflikten und Sanktionen bei Verstößen gegen die klösterliche Ordnung.
Zu den wichtigsten Elementen des klösterlichen Lebens gehörte nach Benedikt das „opus dei“, das Gotteslob, der Dienst an und für Gott im Gebet, die „lectio divina“, die Lesung der heiligen Schrift und die (körperliche) Arbeit. Benedikts Regel zum monastischen Leben (einer mönchischen Lebensform entsprechend) wurde zum weitverbreitetsten christlichen Regelwerk in Nord-, West- und Südeuropa.

Andere christliche Glaubensorden

Neben den Benediktinern gibt es noch andere christliche Orden und Gemeinschaften, die sich alle in der Nachfolge Jesu sehen, aber unterschiedliche Prioritäten bei der Gestaltung des geistigen (klösterlichen) Lebens legen.

Im 12./13. Jahrhundert gründete sich der Zisterzienserorden und kritisierte die Freude am kirchlichen Reichtum und die Verweltlichung der Klöster. Sie sahen ausschließlich die harte körperliche Arbeit in Verbindung mit Gebeten und ein Leben ohne große weltliche Reichtümer als ideelle gottgefällige Lebensform an. Die hohe gesellschaftliche Akzeptanz des Ordens, spezifische agrartechnische Kenntnisse der Mönche und eine effektive Wirtschaftsführung bescherten dem Orden große ökonomische Erfolge, sodass zisterziensische Klöster besonders wohlhabend und angesehen waren. Für den Orden der Franziskaner (1209 von seinem Namensgeber Franz von Assisi ins Leben gerufen) war dagegen vor allem die Abkehr vom materiellen Besitz ein Hauptanliegen. Der Orden der Dominikaner wiederum wurde 1215 mit dem Ziel gegründet, Ketzerei zu bekämpfen, doch freiwillige Armut und das intensive Studium der Bibel gehörten ebenso zu den besonderen Charakteristika des Ordens.

Eine Sonderstellung in dieser Auflistung bilden die monastischen Ritterorden, die während der Kreuzzüge gegründet wurden. Der Orden der Templer, Johanniter und der Deutsche Orden übernahmen alle in unterschiedlichem Maße die Krankenpflege, bewaffneten Pilgerschutz und die Sicherung der Verkehrswege während der Kreuzfahrerherrschaften im 12. Jahrhundert.

Die Geschichte des Klosters Lüne

Die Anfänge des Frauenklosters Lüne in Lüneburg lassen sich in einer kleinen Kapelle auf der östlichen Uferseite der Ilmenau finden. Diese Kapelle, die zum Benediktinerkloster St. Michaelis gehörte und vor den Toren der Stadt Lüneburg stand, ermöglichte es 1170 einigen Frauen eine Klostergemeinde für Frauen zu gründen. Die Gründung wurde im Jahre 1172 zum ersten Mal offiziell erwähnt. Bereits im Jahr 1284 musste der zuständige Bischof die Anzahl der Nonnen auf 80 begrenzen, da der Gemeinschaft in den 112 Jahren seit der Gründung viel Zuspruch zugute gekommen war und sie sich an einem besonders hohen Zulauf von Mitgliedern erfreuen konnte. Im 14. Jahrhundert hatte das Kloster unter zwei Bränden zu leiden, von denen es sich erst im späten 15. Jahrhundert ganz erholte und anschließend in eine neue Glanzzeit aufbrach. Dieser Aufschwung zeigte sich vor allem in der künstlerischen Ausstattung des Klosters: Es wurden Buntglasfenster in den Kreuzgängen eingesetzt und die Innenwände der Klosterräume mit Wandmalereien verziert.

Kloster Lüne © Behnk/Bilowitzki/Akkartal

Lüneburger Erbfolgekrieg

Das Fürstentum Lüneburg, das dem Herzogtum Braunschweig-Lüneburg angehörte, spaltete sich im Jahr 1369, als Wilhelm II. von Lüneburg ohne männlichen Erben starb. Kaiser Karl IV. teilte das Fürstentum, das an das Reich zurückgefallen war, infolgedessen Albrecht von Sachsen-Wittenberg zu. Der Braunschweiger Herzog Magnus machte seine vermeintlichen Besitzansprüche, die ihm noch vor dem Ableben Wilhelms zugesprochen worden waren, aber auch geltend. Da Magnus als jähzorniger Draufgänger berüchtigt war, stellten sich die Lüneburger auf die Seite des Kaisers und gegen den Herzog. Am 1. Februar 1371 stürmten und zerstörten sie die Lüneburg auf dem Kalkberg. Die Rückeroberung der Stadt, in der Nacht vom 20. auf den 21. Oktober (bekannt als Ursulanacht) scheiterte, Herzog Magnus flüchtete nach Celle. Diesen Unruhen fiel auch das Kloster Lüne zum Opfer, es brannte nieder und wurde 1380 im Stil der Backsteingotik wieder aufgebaut.

Architektur: Backsteingotik

Das Kloster Lüne ist ein anschauliches Beispiel für die norddeutsche Baukunst der Backsteingotik. Die Gotik (1140-1550) gilt als einer der Höhepunkte der europäischen Architektur und zeichnet sich durch ihre harmonische und komplexe Bauweise aus. Zentrale Elemente sind unter anderem die Auflösung der Wände durch großflächige Glasfenster, der Spitzbogen und das Aufwärtsstreben von Bögen und Wölbungen. Die Backsteingotik als besondere Ausprägung der Gotik hatte ihre Blütezeit ab Mitte des 13. Jahrhunderts bis etwa 1500. Namengebend für diese architektonische Epoche ist der Backstein, der meist aus eisenhaltiger Tonerde geformt bei bis zu 1000° C im Ofen hart ausgebacken wird. Je höher der Eisenhydroxidgehalt des Rohstoffes dabei ist, desto intensiver ist die rötliche Färbung des Endprodukts. In einem zweiten Brand können Sichtflächen bunt glasiert werden, was die Steine anschaulicher und auch wetterbeständiger macht. Die Verwendung von Backstein als Baustoff ist auf einen Mangel an Naturstein zurückzuführen und setzte sich so vor allem im norddeutschen Tiefland durch. Backsteine sind im Gegensatz zum Naturstein, der je nach Bedarf in Größe und Form angepasst werden kann, in ihrer Größe genormt, sie sollen besonders handlich und gleichmäßig geformt sein und wirken in ihrer Verarbeitung trotz fehlender Differenzierung deutlich filigraner. Backsteinbauten wird eine besondere ästhetische Wirkung nachgesagt, von der man sich im Kloster Lüne gut selbst überzeugen kann.

Ihre Verbreitung verdankt die Backsteingotik nicht zuletzt der Deutschen Hanse, dem Zusammenschluss bedeutender Handelsstädte, der auch Lüneburg (offiziell seit 2007 wieder Hansestadt) dank seiner reichen Salzvorkommen angehörte. Architektonische Elemente und bauliche Neuerungen verbreiteten sich entlang von Handelsrouten besonders schnell. Auch der Orden der Zisterzienser, der gesellschaftlich hoch angesehen war, nahm bedeutend Einfluss auf die Beliebtheit dieser Bauweise. Die nüchterne Einheitlichkeit der Backsteine entsprach ihren Ansichten von Bescheidenheit und Ordnung. Sowohl die Hanse als auch Glaubensgemeinschaften wie der Orden der Zisterzienser galten zu ihrer Zeit als Pioniere der Kultur und so trägt das Kloster Lüne auch heute noch zur Vielfalt der Kulturlandschaft Niedersachsens bei.

Die Reformation

Vor dem Hintergrund der Reformation und ihrer Bedeutung für das Kloster spielt Ernst der Bekenner (1497-1546), Herzog von Braunschweig-Lüneburg, eine wichtige Rolle. Das Kloster Lüne lag in seinem Herrschaftsbereich und sollte die Lehren der Reformation nach Martin Luther im klösterlichen Leben umsetzen.

Im Jahr 1562 erfolgte die Ernennung der ersten evangelischen Vorsteherin im Kloster, als Konsequenz wurde der Umgang mit schriftlichen Quellen verfeinert und die handwerkliche Arbeit als Arbeit im Sinne Gottes in ihrem Ansehen erhöht.

Vom Kloster zum Stift

Wie in vielen anderen Frauenklöstern im Mittelalter zählten auch im Kloster Lüne adelige Frauen zum Großteil der aufgenommenen Ordensschwestern. Der Eintritt in ein Kloster hatte für Frauen den Vorteil, Zugang zu Bildung zu bekommen und einem eventuellen Tod im Kindbett bei oder nach einer Geburt zu entgehen. Außerdem hatten Frauen im Kloster die Chance, innerhalb der Klosterhierarchie aufzusteigen. Im Allgemeinen glich das Leben der Nonnen eines Benediktinerklosters dem ihrer Glaubensbrüder. Der Tagesablauf war geregelt durch „opus dei“ (Gebet), „lectio divina“ (Studium von Schriften) und handwerklichen Arbeiten wie Sticken oder der Gartenarbeit.

1711 wurde auf Anordnung des Kurfürsten von Hannover bestimmt, dass das Kloster Lüne neben den Klöstern in Erbstorf und Walsrode ausschließlich Angehörige des ansässigen Landadels aufnehmen durfte. Dadurch war aus der geistlichen Gemeinschaft eine Einrichtung zur Versorgung alleinstehender, adeliger, evangelischer Frauen geworden. Dieses Adelsprivileg wurde allerdings 1959 vom Land Niedersachsen aufgehoben, so dass das Kloster heute allen alleinstehenden evangelischen Frauen aller sozialen Schichten offen steht.

Erstellt von Peter Pez in Anlehnung an Brinkmann, Jens Uwe 2009: Die Blauen Bücher. Kloster Lüne. Karl Robert Langewiesche Verlagsbuchhandlung KG, Königsstein im Taunus, 2009, S. 64.

Kunsthandwerkliche Schätze: Kunst und Textil

Im auslaufenden 15. Jahrhundert erfuhr das Kloster hinsichtlich seines Kunststandards einen neuen Aufschwung: Die Räume wurden mit Wandmalereien verschönert und in die Fenster der Kreuzgänge wurden Glaskunstwerke eingelassen. Die Wahl der ersten evangelischen Kloster-Vorsteherin im Jahr 1562 hatte zur Folge, dass das Studium von Schriften und die handwerkliche Arbeit an Bedeutung gewannen und zu einem Umbruch in der textilen Handwerkskunst des Klosters führten. Mit der so genannten Technik des Klosterstichs stellten die Nonnen prachtvolle Bildteppiche her. Dem Betrachter eines solchen Bildteppichs wird im Kloster Lüne noch heute eine technische Besonderheit geboten, da die Fäden bei diesen Arbeiten dichter gezogen wurden als mit klassischen Techniken. Auf diese Weise wird die Illusion einer einheitlichen farbigen Oberfläche erzeugt. Bei der Klosterstich-Technik wird der Wollfaden in der gewünschten Form auf dem Grundmaterial entlanggeführt und mit Fäden des gleichen Materials – durch sogenannte Überfangstiche – befestigt. Auch die verwendeten Materialien stellten hierbei eine Besonderheit dar, da meist einheimische, wenig gedrehte Schafwolle benutzt wurde, die man mit Pflanzenfarben färbte. Motive der Bildteppiche sind überwiegend christliche Themen, wie zum Beispiel die Geschichte der Auferstehung Christi.

Viele Arbeiten lassen sich heute im Textilmuseum des Klosters bewundern, denn die Wandteppiche aus dem Kloster Lüne zeugen von einer kunsthandwerklichen Leistung und sind ein Zeugnis ihrer kulturhistorischen Epoche. Sie spiegeln den Fleiß der Benediktinerinnen und ihr Gespür für Kunst und Geschichte nach einer Periode des Umbruchs durch die Kirchenreformation wider.

Der Brunnen

Eine der Besonderheiten in der Brunnenhalle des Klosters ist der so genannte „Handstein“. Ein einzigartiger Brunnen, der in einer Nische an der Westseite neben dem Eingang des Klosters steht. Die Bronzeskulptur aus dem 15. Jahrhundert stellt eine Art Kelch mit einem Turmdach dar und erinnert mit seiner Form an ein Ziborium, ein kelchartiges Gefäß mit einem Deckel, in dem die Hostien (Teig-Oblaten) aufbewahrt werden. Im Mittelalter nutzten die Nonnen den Handstein, um sich vor den Mahlzeiten die Hände zu waschen.

Gegenwart und Veranstaltungen

Von April bis Oktober bietet das Kloster Lüne Führungen durch die Klosterräume, den Klostergarten und das Textilmuseum an und beteiligt sich bei der alle zwei Jahre stattfindenden Lüneburger Museumsnacht. Bei verschiedenen Veranstaltungen im Kloster ist für Groß und Klein und für jeden Geschmack etwas dabei: Es finden in Zusammenarbeit mit der Stadt Lüneburg Konzerte, Vorträge und Lesungen in der Klosterkirche mit ihrer besonderen Akustik statt. Es wird den Interessenten so die Möglichkeit gegeben, einen Einblick in das Erbe eines Klosters zu erhalten sowie die besinnliche Atmosphäre, wie zum Beispiel bei musikalischen Meditationsabenden, zu genießen.

Im Café im Klosterhof lässt sich in reizvoller Umgebung und der Aura von geschichtsträchtigen Klostermauern entspannen und mit den Konventualinnen – den Angehörigen eines Kirchenordens – in einen Dialog treten um Details über das heutige Leben in einem Kloster zu erfahren.

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