Lüneburger Stadtbefestigung

Ein Beitrag von Marieke Tödter

Von der Lüneburger Stadtbefestigung ist nur noch ein kleiner Teil erhalten. Doch dieser hat es in sich: Er demonstriert heute noch die Bauart der damaligen Zeit und an ihm kann man die Entwicklung der vormals reichen Salzstadt Lüneburg nachvollziehen. Er ist am besten zu Fuß zu erkunden und nur einen Katzensprung vom Rathaus entfernt.

Lageplan, Open Street Map
Lageplan, Open Street Map

Der zu besichtigende Überrest – die Bardowicker Mauer und ihre Umgebung

Nicht weit vom Rathaus, quasi nur durch den nördlichen Gebäudebereich getrennt, befindet sich die Straße Hinter der Bardowicker Mauer. Die schmale kopfsteinbepflasterte Straße hält, was ihr Name verspricht: Auf ihrer rechten Seite reckt sich 400 m lang die imposante Bardowicker Mauer empor. Dieses größte noch erhaltene Relikt der Stadtbefestigung besteht aus einer inneren und einer äußeren Stadtmauer, deren Höhe bis 7,5 m (innen) und bis 14 m (außen) beträgt, dazwischen erstreckt sich der 9 m hohe Stadtwall. Besonders in der Straße Hinter der Bardowicker Mauer zeigt sich die innere Mauer auf ästhetische Art und Weise. Der Wall, dessen Krone bis zu 11 m breit ist, ist als Baumallee gestaltet. Auf ihm lässt es sich gut spazieren gehen, im Mai den Duft des blühenden Flieders einatmen und ab Juni die prachtvollen Rosen an den Häusern bestaunen. Vom Wall aus schaut man in eine grüne Oase in Form eines Wiesentales, den sog. Liebesgrund. Dieser ist der ehemalige trockene Stadtgraben sowie Wallgrund, der 1910/11 zu einer Grünanlage umgebaut wurde. Trocken gehalten wurde der Liebesgrund, um nicht durch sein Wasser den Salzgehalt der dort befindlichen Solequellen zu verringern. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er aufgrund der schlechten Ernährungslage in der Stadt für den Obst- und Gemüseanbau genutzt. Heute ist er Park und Naherholungsgebiet, bei Schnee lässt er sich von den Lüneburgern wegen seiner welligen Form auch gut als Rodelbahn nutzen. Direkt an den Liebesgrund anschließend findet sich die sog. Bastion, auf deren noch heute zu erkennendem sechseckigen Grundriss mit Lindenbewuchs Leib und Seele sich entspannen können.

  • Die Feldsteine an der inneren Stadtmauer: Reste ihrer frühesten Form © Marieke Tödter
    Die Feldsteine an der inneren Stadtmauer: Reste ihrer frühesten Form © Marieke Tödter

In der Bardowicker Mauer sind Schießscharten und ein Wehrgang erhalten geblieben. Relativ am Anfang der Straße Hinter der Bardowicker Mauer ist in der Mauer eine Vertiefung zu sehen: Diese zeugt noch heute von der Lage eines vor 1900 abgerissenen Stadtturms, der bis um 1795 als Gefängnis diente. Beim Hinuntergehen der Straße fällt zudem ein großes Tor auf, hinter welchem sich heute ein Lagerraum der Stadtverwaltung befindet. Früher führte an dieser Stelle eine Brücke über den Liebesgrund, die 1910 errichtet wurde und auf der man schnell von der Reitenden-Diener-Straße zur Garlopstraße gelangen konnte. Wegen Bauanfälligkeit wurde sie allerdings nach nicht langer Zeit wieder abgerissen. Die terrassenförmige Ausbuchtung an der Nordseite des Liebesgrundes zeugt noch von ihrer Existenz.

Von der Innenstadt aus gesehen etwas westlicher ist noch ein Teil des Graalwalls erhalten (zwischen der Straße Am Springintgut und der Neuetorstraße). Auf diesem grünen 170 m langen und 16 m breiten Spazier- und Fahrradweg schaut man auf eine Grünanlage, die früher ein Wassergraben war. Außerdem wurden alte Mauerstücke in der Reichenbachstraße im Bereich der Baumstraße als Fundament für Häuser der Gründerzeit genutzt und am Kalkberg findet man noch Teile der Mauer des Sülzwalls, der nach Süden gerichtet war.

Geprägt von Salzreichtum und Krieg: Die mittelalterliche Entwicklung der Stadtbefestigung

Zu Anfang bestand Lüneburg aus drei Siedlungskernen: Modestorpe (Furtsiedlung zwischen Am Sande und Ilmenau, in Anspielung auf die spätere Brücke lateinisch auch mit „pons“ symbolisiert), Hliuni (Kalkberg [lat. Mons] und westliche Altstadt),  und das Gebiet um die Saline herum (lat. fons für [Salz-]Quelle). Diese drei Bereiche wuchsen zusammen und wurden um 1200 mit einer Schutzbefestigung aus Holzpalisaden, Wällen und Gräben umgeben. Genauere Datierungen können aufgrund der unzureichenden Quellenlage für das Hochmittelalter nicht festgelegt werden. Einer Mauer sind also Pfähle und Planken vorausgegangen, die Mitte des 13. Jahrhunderts auch an der Ilmenau aufgebaut wurden. Die Vervollkommnung der Stadtbefestigung war aufgrund der steigenden Bedeutung der Saline bereits im 12. Jahrhundert eine der Hauptaufgaben der Stadtverwaltung. 1277 wurde festgelegt, dass diejenigen Bewohner, die für die Saline verantwortlich waren oder dort arbeiteten, eine Salzrente abgeben mussten für den Bau der Stadtbefestigung. Erste Tore wurden bereits 1272 genannt, eine feste Mauer sowie massive Türme wurden 1297 erwähnt. Im Verlauf des Lüneburger Erbfolgekriegs, der zwischen 1370 und 1388 die Stadt beherrschte, wurde die Burg auf dem Kalkberg von den Lüneburgern eingenommen und zerstört. Dies sorgte im Anschluss für einen Ausbau der Befestigungsanlagen inklusive Ausgrenzung des Kalkberges aus der Stadt. Ab 1371 durften die Bürger die Stadt mit ihrer Ummauerung nach ihren Vorstellungen vergrößern. Damit kam es Ende des 14. Jahrhunderts nicht nur zur Verstärkung der Stadtbefestigung durch viele Türme und Gräben, sondern es entstand der eindrucksvolle rechteckige Stadtgrundriss, der fast vierhundert Jahre Bestand hatte. Er wies eine Länge von circa 1200 m, eine Breite von 600 bis 700 m sowie eine Fläche von 84 ha auf. Im Norden vor der Befestigung wurde ein Trockengraben angelegt (heute der sog. Liebesgrund, s. o.), im Süden ein Nassgraben durch einen Bach und im Osten entstand der heutige Lösegraben. Parallel zu den Gräben befand sich jeweils der Wall. Das Gebiet vor den Mauern der Stadt sollte nicht bebaut werden: 1371 wurde dazu aufgerufen, alle bereits dort stehenden Häuser abzubrechen oder zu verbrennen.

  • Einmündung Am Springintgut: Die Pflasterung deutet die Ausmaße des früher hier stehenden Springintgutturmes an © Marieke Tödter
    Einmündung Am Springintgut: Die Pflasterung deutet die Ausmaße des früher hier stehenden Springintgutturmes an © Marieke Tödter

Zwischen 1365 und 1467 wurden die sieben Tore gebaut, die als Eingang in die Stadt dienten. Die Bauzeit der Innen- und Außenmauern neben den Wällen betrug ganze zweihundert Jahre – es wurden weder Kosten noch Mühen gescheut, um die im Spätmittelalter bedeutende Hansestadt zu schützen.

Im Westen der Stadt stand nach 1371 ein mächtiger Turm, der den Übergang zwischen der alten und der neuen Stadtbefestigung markierte (Einmündung Am Springintgut/Am Graalwall). Bei Grabungsarbeiten wurden 1959 seine Reste entdeckt, er verfügte über einen stattlichen Durchmesser von 14 m. Im Straßen-/Gehwegsbereich deutet die runde Pflasterung die Ausmaße an. Seinen Namen verdankte der Springintgutturm dem Bürgermeister Johann Springintgut, der im Turm während des im 15. Jahrhundert stattfindenden Lüneburger Prälatenkrieges gefangen gehalten wurde und verstarb.

Die grundlegende Gestalt der Befestigung war also im 15. Jahrhundert erreicht, sie hatte eine Gesamtlänge von ungefähr 4 km und wurde durch Tore und Türme verstärkt. Letztere dienten auch als Gefängnisse.

Im 15. Jahrhundert war die Verbesserung und Erhöhung der Stadtmauern und -wälle sowie der Ausbau von Gefängnissen und Türmen notwendig, da das Geschützwesen sich schnell weiterentwickelte und sich die Angst vor den Hussiten verbreitete. Alles in allem war diese Verstärkung trotz der Mithilfe der Bewohner ein teures Unterfangen. Das nötige Geld konnte nur durch den Aufschwung der Saline aufgebracht werden. Ohnehin mussten die Befestigungsanlagen auch im 16. Jahrhundert wegen der ständigen Weiterentwicklung der Feuerwaffen laufend den neuen Bedürfnissen angepasst werden, beispielsweise wurden neue Mauern vor bereits vorhandene gesetzt. Jedoch wurde immer deutlicher, dass die Stadt durch den sich ankündigenden Niedergang der Hanse im 16. Jahrhundert kaum mehr Geld dafür aufbringen konnte.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, was es mit den Haken und Ösen an mittelalterlichen Hauswänden auf sich hat? Hieran waren ab dem 14. Jahrhundert Kettensperren und Schlagbäume befestigt, die die Sicherheit innerhalb der Stadt gewährleisteten. Diese sind z. B. an den Eckhäusern in der Lüner Straße/Auf dem Kauf oder in der Görgesstraße/In der Techt zu sehen. Für Ritter in Rüstungen bzw. zu Pferde waren das komplizierte Hindernisse, die den Verteidigern im Straßenkampf dienlich sein konnten.

Um 1600 war die Stadtbefestigung Lüneburgs in einem sehr schlechten Zustand. Städte, die mit Lüneburg verbündet waren zur gemeinsamen Verteidigung (z. B. Hamburg, Lübeck und Braunschweig), sorgten vor und ließen sich einen neuen Befestigungsteil oder eine komplett andersartige Befestigung vom niederländischen Bauingenieur Johan van Valckenburg bauen. Das gezackte oder sternenförmige System stammt ursprünglich aus der Feder des berühmten französischen Festungsbaumeister Sébastien Le Prestre de Vauban, dessen zwölf bedeutendste Bauten mittlerweile von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt wurden. Ausgangspunkt der einschneidenden Veränderungen im Festungsbauwesen war die Erfindung des Schießpulvers im 14. Jahrhundert. Durch seine Anwendung erfüllten die alten Stadtmauern ihren Zweck nicht mehr, da sie durch Kanonenkugeln barsten. In Erdwällen verpuffte jedoch deren Wirkung. Zusätzlich war es durch einen sternförmigen Grundriss möglich, dass auf die Befestigung zustürmende Truppen nicht nur frontal, sondern auch von der Seite her unter Beschuss genommen werden konnten, sodass bei einem Erstürmungsversuch die Verteidiger sich nicht nur von oben herab zur Wehr setzen konnten, wodurch sie sich verstärkt den Waffen der Feinde auslieferten. Vielmehr konnten nun die Angreifer von der seitlich gegenüberliegenden Flanke der Befestigung beschossen werden; dies machte jeden Angriffsversuch sehr verlustreich. Die Erdwälle wurden weiterhin durch Mauern senkrecht begrenzt, damit Angreifer nicht ohne Hilfsmittel, wie z. B. Leitern, die Wallanlagen erklimmen konnten. Die geometrisch-sternartige Grundform der neuen Festungen wurde durch vorgelagerte Bastionen noch komplexer. Vaubans Meisterwerk ist die französische Garnisonsstadt Neuf-Brisach, nahe der Grenze zu Deutschland, deren Grundriss von oben gesehen über einen besonderen ästhetischen Reiz verfügt.

So wurden im 17. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Festungskriege, auch in den verbündeten Städten Lüneburgs solche Anlagen gebaut. Warum kam es in Lüneburg nur in Ansätzen dazu? Warum blieb Lüneburg von der Grundform her viereckig und wies kein ausgeprägtes sternenförmiges Wall-Graben-System auf? Der bereits erwähnte niederländische Festungsbaumeister Johan van Valckenburg besuchte 1609 die Stadt und legte der Obrigkeit nahe, eine bauliche Veränderung nach der von ihm favorisierten frühniederländischen Art zu unternehmen. Die Stadt verwirklichte jedoch nichts, sondern war der Ansicht, dass eine Stadt bei den damals modernen Waffen, auch wenn sie gut befestigt war, auf die Dauer eingenommen werden würde. Die Ablehnung erfolgte wohl aber vor allem aufgrund des chronischen Geldmangels, unter welchem die Stadt seit dem Niedergang der Hanse und damit auch der Abnahme des Salzhandels litt.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde in Lüneburg dennoch ein Teil des Vaubanschen Verteidigungssystems gebaut: Die Bastion (nördlich an den Liebesgrund anschließend) wurde um 1660 vor dem Bardowicker Wall zum Schutz der Stadt gegen die neue Kanonen-Kriegstechnik aufgeschüttet. Sie wurde mit Festungsartillerie ausgestattet. Außerdem schüttete man im Vorgelände der Saline die sog. Taterschanze auf. Für diese Veränderung konnte die Stadt selbst nicht genügend Mittel aufbringen – die Hospitäler mussten helfen.

Spätestens ab der Herrschaft von Napoleon wurden dann offene Feldschlachten üblich und die Stadtbefestigungen verloren ihre Funktionen.

Mittelalterliche Pflichten an der Mauer – Bürgersache

Das starke Fundament der Stadtmauer bilden Findlinge und behauene Granitsteine, sie selbst wurde aus Backstein und an einigen Stellen auch aus dem quaderförmigen, im Mittelalter abgebauten harten Gips aus dem Schildstein-Steinbruch errichtet. Das gesamte Gebilde ist ungefähr 30 m dick, ihr Zwischenraum, der Wall, besteht aus Erde und Schutt.

Den gesamten Aufbau und die Verteidigung der Mauern und Wälle im Mittelalter mussten die Lüneburger Bewohner selbst bewerkstelligen. Als beispielsweise 1491 ein neuer Wall am Kalkberg errichtet werden sollte, hatten je vier Sülfmeister und je vier Bürger jeweils eine Karre mit einer Arbeitskraft zu stellen. Die Bürger mussten persönlich mitarbeiten – wenn sie das nicht taten, wurde ihnen eine Geldstrafe auferlegt. Für den Verteidigungsfall und für Ausbesserungen war die Stadtbefestigung in zehn Abschnitte unterteilt. Jede Zunft musste im Krieg oder bei anderen Auseinandersetzungen einen Teil verteidigen, so waren z. B. die Schiffer an der Ilmenau für Verteidigung und Instandhaltung der Befestigung verantwortlich und den Wollwebern und Goldschmieden oblag der Abschnitt vom Kalkberg bis zum Bardowicker Tor. Diese Bürgerwehr war Pflicht und unentgeltlich, bei Nichterscheinen wurden Geldbußen verhängt. Außerdem sorgten vierzehn Nachtwächter für Sicherheit in den Abend- und Nachtstunden.

Für die Stadt Lüneburg war die Erstellung und Erhaltung der Stadtbefestigung ein kostspieliges Unterfangen – neben der Sicherung der Handelswege und der Holzzufuhr für die Saline floss der Hauptteil der städtischen Einnahmen im Mittelalter in die Stadtbefestigung. Beispielsweise wurden Gelder gebraucht für die Vertiefung des Stadtgrabens, den Ausbau der Landwehr und die Ausbesserung der sechzig (!) Mauertürme, da sich auch die Kriegstechnik immer weiter entwickelte.[32] Weiterhin wurde die Befestigung durch die Regelung finanziert, dass jeder junge Meister beim Eintritt in die Zunft einen Beitrag für die Stadtverteidigung abgeben musste.

Wie sich die Zeiten ändern: Die Befestigungen als Hindernis

Einige Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg fing die verschuldete Stadt damit an, die verfallenen Türme abzureißen. Der Rest der Befestigung blieb jedoch bis Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten. Kurz nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges wurde dann 1763 damit begonnen, Teile der Befestigung zu schleifen, da sie moderner Artillerie mit Sprenggranaten keinen hinreichenden Widerstand mehr hätte bieten können. Die Wälle sowie die verbliebenen Türme wurden abgetragen und die Tore verschwanden, z. B. das Bardowicker Tor 1817. An den Straßen der Tore wurden Bäume gepflanzt, so auch auf dem Bardowicker Wall, dessen östlicher Teil 1828 für Spaziergänger freigegeben wurde. Dies geschah auch im Norden und im Osten der Stadt. 1874 ging ein lauter Aufschrei durch die Lüneburger Bevölkerung, als für den Bau eines Bahnhofs die östlichen Wälle abgetragen und siebenhundert Bäume gefällt wurden.

Die Stadt wurde zunehmend größer und die Stadtbefestigungen standen nach damaliger Ansicht dem Vorhaben, mehr Wohnraum und bessere Verkehrswege zu schaffen, im Weg. Dort, wo die Wälle standen, wurden baumbepflanzte Alleen, Verkehrsstraßen und Häuserzeilen platziert. Wie bereits bei der Errichtung des Bahnhofs war die Stadtbevölkerung in ihrem konservatorischen Denken den (vermeintlich fortschrittlichen) Stadtverantwortlichen weit voraus: Als 1968/69 der letzte Rest des Roten Walles für den Bau eines Parkhauses und einer Sporthalle abgetragen wurde, kam es zu großem, aber vergeblichem Protest seitens der Einwohner. Bedauerlicherweise waren vor circa fünfzig Jahren das Bewusstsein für die Erhaltung von Kulturgut sowie der Denkmalschutz noch nicht so ausgeprägt wie heute, so dass nur noch ein Bruchteil der Stadtbefestigung, einem wichtigen Zeugnis der Stadtgeschichte, zu sehen ist.

Die Fahrt- und Gerichtsknechtehäuser – Juwelen an der Bardowicker Mauer

Beim Hinuntergehen der Straße Hinter der Bardowicker Mauer fallen die direkt an die innere Stadtmauer gebauten Häuser mit dem Pultdach auf. Von diesen vormals einstöckigen Bauten, dem Haustyp der „Bude“ angehörend, standen früher viel mehr in der Straße, sie mussten jedoch aufgrund ihres verfallenen Zustands abgerissen werden. Die Häuser, die noch vorhanden sind, stammen aus dem Mittelalter und sind allesamt gut erhalten und gepflegt, sodass Interessierte sie noch heute bewundern können. Sie hatten als Fahrt- und Gerichtsknechtehäuser besondere Funktionen. Beispielsweise ist das Haus Hinter der Bardowicker Mauer Nr. 5 ein ehemaliges Fahrtknechtehaus, Nr. 2 und 2a ehemalige jetzt aufgestockte Gerichtsknechtehäuser. Das Satteldach des grünlichen, aufgestockten Hauses zeugt von einem früheren Stadtturm, der auch als Gefängnis diente.

Die Fahrt- und Gerichtsknechtehäuser waren als günstige Wohnungen für einfache Bevölkerungsschichten geplant, da sie einstöckig waren und bereits über eine natürliche Wand, die Stadtmauer, verfügten. Die Belichtung erfolgte ausschließlich von der Vorderseite. Es gab zwei Fahrtknechtehäuser und ein Fahrtknechtwitwenhaus, die die Saline mietfrei zur Verfügung stellte. Die Fahrtknechte gehörten demnach zur Saline und waren verantwortlich für die bauliche Unterhaltung der Bergwerksstollen (Sülzfahrten), die zu den nahegelegenen Solequellen führten und auch den Transportweg der Sole darstellten. Zwischen den Häusern Nr. 5 und Nr. 6 befindet sich eine Holztür, die mit einem geschnitzten und bemalten Balken versehen ist, der die Jahreszahl 1544 sowie das Lüneburger Stadtwappen und die Stadtmarke trägt. Hinter dieser Tür verbirgt sich ein ca. 50 m langes gemauertes Gewölbe, das unter der Mauer und dem Wall hindurch zum Graalturm, der 1790 abgerissen wurde, führte. Dieser Turm diente zum Pumpen der Sole.

  • Ehemalige Fahrt- und Gerichtsknechtehäuser © Marieke Tödter
    Ehemalige Fahrt- und Gerichtsknechtehäuser © Marieke Tödter

Die Gerichtsknechte waren Gefängnisaufseher, sie waren vereidigt und standen unter dem besonderen Schutz des Stadtrates. Trotzdem war ihr Dasein nicht einfach, denn sie lebten durch ihre nur sehr schlecht bezahlte und anstrengende Arbeit mit ihren Familien am Existenzminimum und hatten ein geringes Ansehen. Für sie und ihre Familien war die Trennung von Beruf und Privatleben nicht möglich, denn in jedem ihrer drei Häuser befand sich eine Gefängniszelle. Die gesamte Familie musste somit mit den Gefängnisinsassen zurechtkommen. Darüber hinaus befanden sich neben den Gerichtsknechtehäusern noch sechs weitere Gefängniszellen, die sie verwaltet haben.

Durch die schlechte Finanzlage der Stadt Lüneburg im 18. Jahrhundert wurde 1775 das erste dieser geschichtsträchtigen Häuser abgerissen und 1796 drei weitere verkauft. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden noch weitere abgerissen, so dass die heute noch stehenden Häuser nur als repräsentativ für die damalige Bedeutung stehen können.

Fazit

Die beeindruckenden Überreste der ehemaligen Stadtbefestigung Lüneburgs zeugen nicht nur von der großen Bedeutung, die die Hansestadt über mehrere Jahrhunderte innehatte, und durch ihre Entwicklung kann man auf erstaunliche Art und Weise den Auf- und Abschwung der Saline und somit der Stadt nachvollziehen. Sondern sie machen auch deutlich, dass es heutzutage wichtiger denn je ist, ein Verantwortungsgefühl für kulturelle Schätze zu entwickeln, um diese für die Nachwelt zu erhalten. Denn nichts erklärt Geschichte besser als originale Artefakte.

 


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