Das Lüneburger Gradierwerk

Ein Beitrag von Konrad Herrfurth

Durchatmen wie bei einem „Spaziergang am Meer“

Totis corporibus nihil esse utilius sale et sole.
(Sonne und Salz sind unentbehrlich für alles Leben.)
Plinius, 1. Jh. u. Z.

Sole träufelt über hochgeschichtete Schwarzdornzweige. Dunst liegt in der Luft. Es schmeckt nach Salz. Jeder neue Soletropfen lässt schneeweiße Kristalle auf dem Reisig des riesigen Dornwalls zurück, der sich inmitten des Lüneburger Kurparks auftürmt. Wer je unter Atemwegsbeschwerden litt, weiß die heilsame Wirkung jener Luft zu schätzen, die das Lüneburger Gradierwerk als ganz besondere und noch immer heimliche Sehenswürdigkeit umhüllt.

Ein Gradierwerk im Zeichen des Lüneburger Salzreichtums

Auf einem Salzstock erbaut, blickt die Stadt Lüneburg auf eine lange „salzige“ Tradition zurück, welche bis ins Jahr 956 reicht. Zu jener Zeit wird die Existenz einer Saline erstmals urkundlich durch König Otto I. („Otto der Große“) erwähnt. Die geschichtliche Bedeutung Lüneburgs ist seitdem untrennbar mit ihrem unterirdischen Salzvorkommen und dessen jahrhundertelangen Abbau sowie erfolgreichen Handel verbunden. Bei einem Gang durch die Straßen und engen Gassen der Salz- und Hansestadt stolpert man noch heute an vielen Ecken über das „weiße Gold“, dem Lüneburg seinen mittelalterlichen Reichtum verdankte. Diejenigen, die auf den Spuren des Salzes wandeln, sich zu geschichtsträchtigen Orten und Überresten begeben, denen sei unbedingt ein Besuch der Lüneburger Gradierwerksanlage empfohlen, deren Besichtigung ein Erlebnis für Körper, Geist und Sinne ist.

Am nordöstlichen Ende des Kurparks, unweit der Salztherme Lüneburg „SaLü“ gelegen, lädt das imposante Bauwerk nach einem ausgedehnten Stadtspaziergang durch Backsteingotik und -renaissance zum Bestaunen und erholsamen Verweilen einer ganz besonderen Art ein. Liegt Lüneburg auch nicht am Meer, so spürt man doch genau hier seinen salzigen Atem. Bei einem Erkundungsgang entlang der Anlage oder auch bequem davor sitzend, kann, fernab von Nord- und Ostsee, jene wohltuende Seeluft inhaliert werden, die normalerweise nur Küstenbewohnern und -besuchern vorbehalten bleibt. Wer das Gradierwerk erkundet, so viel sei versprochen, wird die Wirkung und den Wert des Lüneburger Salzes am eigenen Leib spüren und zu genießen wissen.

  • Der riesige Dornwall gut versteckt im herbstlich-bunten Kurpark © Herrfurth
    Der riesige Dornwall gut versteckt im herbstlich-bunten Kurpark © Herrfurth

Wie das Salz in der Suppe – Ein tröpfelnder Riese im Lüneburger Kurpark

Gradierwerke, die „Kathedralen des Salinewesens“, sind überaus seltene Besonderheiten und finden sich nur in einigen wenigen deutschen Städten. Fälschlicherweise oft als Salinen bezeichnet, lassen sich die technischen Anlagen zur Soleanreicherung heutzutage meist in Kurorten bestaunen. Auch wenn Lüneburg keinen offiziellen Titel mehr als Kurort besitzt, so ist die Stadt dennoch durch die hier vorkommende überaus reine Sole sowie den darauf beruhenden Kur- und Moorbetrieb bekannt. Eingebunden in diesen, steht in Lüneburg das nördlichste aller Gradierwerke in Deutschland.

Selbst im weitläufigen Kurpark nur schwerlich zu verfehlen, misst die an einen mittelalterlichen Festungswall anmutende Holzkonstruktion inklusive des seitlichen Treppenaufgangs eine Länge von beeindruckenden 59 Metern, eine Breite von 7 Metern und eine Höhe von ebenfalls 7 Metern – mit dem auf der Gradieranlage angebrachten Geländer sogar fast 8 Meter. Der salzige Koloss ist darüber hinaus mit einem Durchgang versehen wie auch seitlich aufgestellten Sitzgelegenheiten in Form von Holzbänken. Diese sind sogar teilweise überdacht, wodurch auch bei unbeständigem Wetter an der wohltuenden Anlage verweilt werden kann. Bis auf den Aufstieg auf die dächerne Plattform des Gradierwerkes, ist die gesamte Anlage öffentlich zugänglich.

Standorte von Gradierwerksanalagen innerhalb Deutschlands © Peter Pez
Standorte von Gradierwerksanalagen innerhalb Deutschlands © Peter Pez

Die Bedeutung und Funktion von Gradierwerken – Damals und heute

Historisch betrachtet, ging dem Aufkommen der ersten Gradierwerke eine wachsende wirtschaftliche Bedeutung des Salzes im Mittelalter voraus. Die damalige Ernährung bestand in zunehmendem Maße aus Lebensmitteln, für deren Konservierung Salz notwendig war – so erlangte etwa der Hering als beliebte Fastenspeise eine enorme Bedeutung für die mittelalterliche Esskultur. Die Nachfrage nach dem kostbaren Konservierungsgut war groß, die Salzgewinnungstechnik blieb jedoch wenig produktiv und machte über viele Jahrhunderte nur geringe Fortschritte. Hatten Salinen, vor dem Aufkommen von Gradierwerken, Quellsole über Tage gesiedet, indem in sogenannten „Pfannen“ Salzwasser so lange erhitzt wurde, bis nur noch festes Kochsalz übrig blieb, ergaben sich mit wachsender Nachfrage zweierlei Probleme: Zum einen sind die Salzkonzentrationen von Solequellen im Allgemeinen sehr gering, der Aufwand für die Salzgewinnung somit beträchtlich. Zum anderen sind die Quellen oftmals mit hohen Anteilen von verunreinigenden Fremdstoffen belastet. Um die Sole daher zunächst zu konzentrieren und von Fremdsalzen zu befreien, wurden in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts Gradierwerke entwickelt. Das Wort „gradieren“ bedeutet in diesem Zusammenhang nichts anderes als einen Stoff „schrittweise [in einem Medium] aufkonzentrieren“. Die bahnbrechende Methode, Sole vor dem Sieden erst über Zweige von Gradieranlagen zu träufeln, erhöht durch natürliche Verdunstung ihre Salzkonzentration. Der anschließende Siedeprozess zur Gewinnung der Salzkristalle konnte so stark verkürzt werden. Gradierwerke wurden damit Teil eines größeren Salzwerkes, bestehend aus Gradierwerk und Saline. Da heutzutage andere Salzgewinnungsverfahren gebräuchlicher sind, sich die Sole aber wunderbar zu Kurzwecken eignet, sind hierzulande Gradierwerksanlagen erhalten geblieben. Hinsichtlich dessen ist das Lüneburger Gradierwerk jedoch ein ganz Besonderes, da es von Beginn an und ausschließlich als reine Kureinrichtung erbaut worden ist. Die Lüneburger Saline benötigte nie eine Anlage, um die hier vorkommende Sole aufzukonzentrieren, da diese mit einem Salzgehalt von 25 – 27 Prozent bereits als gesättigt gilt, d.h. nicht mehr Salz im Wasser auflösen kann.

Die heilende und wohltuende Wirkung, die von Gradierwerken ausgeht, ist dem Inhalieren mit Salz angereicherter Luft geschuldet. Durch die herabrieselnde Sole wird die umgebende Luft mit Salz angereichert. Der entstehende Salznebel mobilisiert dabei die eigenen Leistungsreserven und wirkt sich wohltuend bei Pollenallergien, Asthma, Bronchial- und Erkältungserkrankungen sowie Nasennebenhöhlenentzündungen aus. Durch das Einatmen von salzwasserhaltiger Luft werden die Atemwege nachweislich befeuchtet und Atemorgane positiv beeinflusst. Die feinen Salzkristalle besitzen eine sekretlösende Wirkung, wodurch die Atemwege sanft und mit desinfizerender Wirkung gereinigt werden, Schleimhäute abschwellen und Hautirritationen abklingen.

Einfallsreiche Konstruktion: Der Aufbau der Gradieranlage

Aus den Akten vieler alter Salinen geht hervor, dass der Bau eines Gradierwerkes recht kompliziert war. Allererste Gradierwerke erhielten noch ein schweres Ziegeldach bis man zu der Erkenntnis kam, dass die Überdachung den Prozess die Zirkulation der Luft erschwert und damit die Verdunstung hindert. So entwickelten sich mit der Zeit offene Gradierwerke.

Im Wesentlichen besteht ein Gradierwerk aus dem 19. Jahrhundert aus einem hölzernen Gerüst, welches durch zweckmäßige Verstrebungen die erforderliche Stabilität erhält. Dabei unterscheidet man die mittlere Hauptsäule, die Dornsäulen, die Hauptsturmstreben, die Streben und die Träger der Solekästen. Die Dornsäulen besitzen Einschnitte zur Aufnahme der Latten, auf denen die Dornsträucher eingebettet sind..

Das beste Material für das Strauchwerk, welches die eigentliche Gradierwand bildet, ist der Schwarzdorn. Zweigbündel der sogenannten „Schlehen“ bilden auch die Dornenwand der Lüneburger Gradieranlage. Aufgrund seiner besonderen Beschaffenheit, vor allem aber wegen der sperrigen Zweige, lassen sich lockere und dabei doch ausreichend dichte Wände aufbauen. Nur wenn kein Schwarzdorn zur Verfügung steht, tritt mitunter Wacholder, Birkenreisig oder anderes Strauchwerk an dessen Stelle.

  • Schwarzdornzweige als Dornenwand © Herrfurth
    Schwarzdornzweige als Dornenwand © Herrfurth

Das technische Verfahren des Gradierens

Das Prinzip des Gradierens ist relativ einfach erklärt: Innerhalb des mit Schwarzdornzweigen gefüllten Gerüstes wird Sole hochgepumpt. Diese rieselt anschließend langsam über die Schlehenzweige herunter, was auch als „lecken“ bezeichnet wird (Gradierwerke werden daher auch „Leckwerke“ genannt). Wind und Sonnenwärme sorgen dabei für die Verdunstung des Wassers. Nach dem Herunterträufeln wird die angereicherte Sole in einem dafür vorgesehenes Becken unterhalb des Gradierwerkes aufgefangen und erneut hochgepumpt.

Während des Gradierens laufen vielfältige chemische und physikalische Vorgänge ab. Indem die Sole an den Dornenwänden heruntertröpfelt, wird diese von der Luft durchströmt. Dabei entweicht das in der Sole gelöste Kohlendioxid. Sobald sich die Sole durch Verdunsten des Wassers genügend angereichert hat, wird die Löslichkeit des Calciumcarbonats überschritten. Die Hydrogencarbonate wandeln sich daraufhin in schwerlösliche Fremdsalze um, welche sich in Form von Kalk und Gips an den Dornen ablagern. Man spricht dann von „Salinen- oder Dornstein“, welche die Schlehenzweige mit einer grauen, weißen oder auch braunen Kruste überziehen. Wird der Dornstein stärker, nimmt die Wirkung der Gradierung bedeutend ab, da Luft in zunehmenden Maße daran gehindert wird, durch die Wände hindurchzuziehen. Daher müssen die Dornenwände etwa alle fünf bis zehn Jahre erneuert werden.

Vom Salz zur Kur – Eine kurze Kulturgeschichte

Über mehrere Jahrhunderte hinweg dominierte Lüneburg, als einer der bedeutendsten Salinenstandorte Europas, den Salzhandel im gesamten Nord- und Ostseeraum. Nach mehreren Jahrhunderten des erfolgreichen Salzabbaus und -handels hatte die Lüneburger Saline gegen Ende des 18. Jahrhunderts jedoch ein Niveau erreicht, das den Tiefpunkt eines kontinuierlichen Niedergangs markierte. Die Gründe hierfür waren vielfältig. In erster Linie ist auf die weitaus günstigere Konkurrenz des sogenannten „Baiensalz“ von der französischen und spanischen Atlantikküste hinzuweisen sowie auf andere leistungsfähigere Salinen, welche zunehmend in der Lage waren, auch mit schwach konzentrierter Sole rentabel zu arbeiten. Lange jedoch bevor der Lüneburger Salinenbetrieb im Jahr 1980 aufgegeben worden war, wurde mit dem Kurbetrieb eine nachhaltige Möglichkeit gefunden, die kostbare Lüneburger Sole nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Der Kurbetrieb an Soleorten kam in diesem Zusammenhang etwa zur Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in Schwung, als die Erkenntnis von der heilsamen Wirkung des Salzwassers zum festen Bestandteil ärztlichen Wissens wurde. Dies geschah über das gewonnene Wissen aus Seebädern, in denen die Wirkung der salz- und jodhaltigen Meeresluft einschließlich Badekuren zu besten Heilerfolgen geführt hatte. Viele Solebäder wurden so zum kontinentalen Ebenbild der Seebäder.

Anfang des 20. Jahrhunderts nahm sich der Lüneburger Neubürger Bergrat Otto von Sachse, damaliger Salinendirektor, des Lüneburger Solbads an. Er hatte vor, den Kurort Lüneburg auszubauen und mehr Kurgäste anzulocken. Dazu wurde ihm das 23 Hektar große Gelände des heutigen Kurparks zur Verfügung gestellt. Bereits am 30. Juni 1907 wurde auf diesem Gelände das neue Sol- und Moorbadehaus und kurze Zeit später ein neues Gradierwerk in Betrieb genommen. Die Anzahl der Kurgäste in Lüneburg stieg hierdurch rasch an und betrug einige Hundert Besucher pro Jahr. Als die Gradieranlage 1927 erstmalig ausgebaut worden war, vergrößerte sich die Anzahl der Kurgäste noch einmal von 3086 im Jahr 1925 auf 7822 drei Jahre später. Inzwischen zählt das Kurzentrum Lüneburg mehrere hunderttausend Besucher pro Jahr, wobei ein Ende der Erfolgsgeschichte nicht abzusehen ist. Auch das Gradierwerk hat hieran entscheidenden Anteil. Grundlegende Sanierungen und zeitgemäße Verbesserungen des Baudenkmals wurden in diesem Zusammenhang 1977 sowie im Jahr 2001 vorgenommen.

Erholung für Jedermann? Eine Frage der Finanzierung

Das Lüneburger Gradierwerk wird, wie auch die Salztherme Lüneburgs, von der „Kurzentrum Lüneburg Kurmittel GmbH“, einer Tochtergesellschaft der Stadt, betrieben. Im Unterhalt relativ kostengünstig, erweist sie sich im Hinblick auf die zuletzt getätigte Rundumerneuerung jedoch als kostspielige Erholungsanlage. So wurden etwa nach der grundlegenden Sanierung des Gradierwerkes zu Beginn der Jahrtausendwende fast 424.000 Euro investiert, wovon die Stadt jedoch einen Teil der Summe bezuschusst hat. Sicher ist, dass ein Weiterbestehen der Gradierwerksanlage als Sehenswürdigkeit wohl auch in Zukunft finanziell gesichert ist. Ein Besuch dieser imposanten Konstruktion und ihrer heilsamen Wirkung ist und bleibt dabei auch weiterhin kostenfrei. Wer also Lust verspürt, sich etwas Gutes zu tun, kann zum kostenfreien Inhalationsgang aufbrechen und dabei ein Stück Lüneburger Salzgeschichte kennenlernen. Körper und Geist werden es einem danken.

 

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