Lüneburg Kaltenmoor

Ein Beitrag von Nikolas Lührs

Lüneburg Kaltenmoor – Die etwas andere Großwohnsiedlung

Der Lüneburger Stadtteil Kaltenmoor ist das Zeugnis einer anderen Zeit. Es war der Mangel an Wohnraum und der Traum eines neuen modernen und geordneten Wohnens, der die Städteplaner in den 1950er und 1960er Jahren in der noch jungen Bundesrepublik antrieb. Überall in Deutschland entstanden Großwohnsiedlungen – so auch in Lüneburg.

Hell, geräumig und gut durchlüftet sollten die neuen Wohnungen sein. Viel Grünfläche und eine gute Verkehrsanbindung in die Innenstadt waren gewünscht. Es entstanden klinkerverkleidete Wohngebäude für ca. 8000 Menschen, die heute den Kern des größten Lüneburger Stadtteils ausmachen.

Großer Wohnungsmangel in Lüneburg

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wuchs die Bevölkerung der Hansestadt rasant an. Während 1942 noch 35.000 Einwohner in Lüneburg lebten, waren es nach dem Krieg ca. 60.000. Für viele Kriegsflüchtlinge war Lüneburg ein geeignetes Ziel, da nur wenige Bomben die Stadt getroffen hatten und sie nahe zur russischen Besatzungszone lag.

Die große Anzahl neuer Bürger und Bürgerinnen stellte die Stadt vor große Herausforderungen. Noch 1949 teilten sich im Schnitt 5,59 Lüneburger eine Wohnung. Die Verwaltung rechnete bei der Verteilung von Wohnraum mit 4 m²  pro Erwachsenem und 2 m²  pro Kind. Der Abriss von Wohngebäuden aufgrund von Senkungsschäden und die Beanspruchung vieler Wohnbereiche durch das britische Militär erschwerten die Situation zusätzlich. Schnell wurde klar, dass neue Wohngebiete geschaffen werden mussten.

Vergessene Träume modernen Wohnens

Der schweizerisch-französische Architekt „Le Corbusier“ war eine der prägenden Architekten des frühen 20.Jahrhundert. Zusammen mit anderen Kollegen und Kolleginnen schrieb er 1933 die Charta von Athen. Sie diagnostizierten, dass in vielen Städten der innere und historische Kern viel zu dicht besiedelt sei. Die Wohnbedingungen seien häufig schlecht. Das Wachstum der Städte verschlänge nach und nach die angrenzenden Grünflächen. Sie forderten deshalb eine funktionelle Aufteilung der Stadt in Wohnen, Arbeiten, Erholen und Bewegen. Die Charta von Athen und ihre Begründer prägten die städtebaulichen Visionen der nächsten Jahrzehnte. Konzepte wie die autofreundliche Stadt oder die gegliederte und aufgelockerte Stadt folgten ihren grundlegenden Prinzipien. In ganz Deutschland entstanden in der Folge Großwohnsiedlungen.

Die Großwohnsiedlung Kaltenmoor ist verglichen mit anderen Standorten eine kleinere Siedlung. Dennoch folgt auch ihr Aufbau den grundlegenden Prinzipien der Visionen modernen Wohnens aus den 1950er und 1960er Jahren in Westdeutschland. Wenn man durch die Straßen des Stadtteils geht, fallen zunächst die großen zweispurigen Straßen auf. Die damaligen Planungen prognostizierten einen sehr hohen Automobilverkehr, der nie eintraf. Heute werden die Straßen nach und nach wieder zu einspurigen Straßen zurückgebaut. Weitere Überbleibsel der damaligen Prognosen sind die vielen Parkhäuser, die sich in der Siedlung befinden. Auch sie sind für die Bedürfnisse der Bewohner*innen deutlich überdimensioniert. Ebenfalls typisch für Großwohnsiedlungen ist das „Abstandsgrün“, dass sich zwischen den Gebäuden und den umliegenden Straßen befindet. Produzierendes Gewerbe oder andere mögliche Ort der Lohnarbeit sind ganz im Sinne der Charta von Athen und der darin geforderten funktionellen Trennung der Stadt in Kaltenmoor nur spärlich zu finden.

Kaltenmoor – die etwas andere Großwohnsiedlung

Auch wenn Kaltenmoor in vielen Punkten der klassischen Großwohnsiedlung entspricht, gibt es einige Faktoren, die Kaltenmoor besonders machen. Spaziert man durch die Wohngegend, fällt zunächst die Klinkerverkleidung der Gebäude auf. Sie ist zwar typisch für Lüneburg, aber gänzlich ungewöhnlich für 16-geschössige Gebäude in Deutschland. Eine andere Besonderheit ist der Versuch, durch die Kombination unterschiedlicher Wohnformen eine soziale Durchmischung des Wohnviertels zu erreichen. So befinden sich in der Wohnsiedlung neben den typischen Geschosswohnungen im nördlichen Teil (nördlich der Carl-Friedrich-Goerdeler-Straße) der Wohnsiedlungen auch viele Eigenheime. Aus heutiger Sicht kann man kritisieren, dass die gewünschte Durchmischung nicht erreicht wird, da der Eigenheimbereich durch die große Carl-Friedrich-Goerdeler-Straße räumlich deutlich abgetrennt ist.

Abb. 1: Großwohnsiedlung Kaltenmoor, © Geofachdaten Landkreis Lüneburg.de; www.landkreis-lueneburg.de/geoportal
Abb. 1: Großwohnsiedlung Kaltenmoor, © Geofachdaten Landkreis Lüneburg.de; www.landkreis-lueneburg.de/geoportal

An der Ecke der Carl-Friedrich-Goerdeler-Straße/Theodor-Heuss-Straße entdeckt man das eher unscheinbare Gebäude der St. Stephanus Gemeinde (s. Abbildung). 1974 wurde hier das erste evangelisch-katholische Gemeindezentrum Deutschlands eingeweiht. Nachdem zunächst ökonomische Überlegungen den Anstoß für den Bau gegeben hatten, einigten sich beide Kirchen – nicht ohne anfängliche Widerstände – auf die Errichtung des Gebäudes neben der Einkaufspassage. Das Grundstück und das Gebäude sind im gemeinsamen Besitz beider Kirchen. Alle Gemeinderäume des Zentrums dienen beiden Kirchen. Ausgenommen sind davon die beiden den Gottesdiensten gewidmeten Kirchenräume. Die Gestaltung der Räume und des Gebäudes im Gesamten ist bewusst schlicht gehalten. Das Gemeindezentrum möchte eine „Alltagskirche“ und offen für alle Menschen sein. Diese Überlegungen führten auch dazu, dass kein Kirchturm gebaut wurde und in den Anfangsjahren darüber debattiert wurde, ob ein Kreuz außen am Gebäude angebracht werden soll.

St. Stephanus Gemeindezentrum Kaltenmoor © Lührs
St. Stephanus Gemeindezentrum Kaltenmoor © Lührs

Die Kirchengemeinden waren auch an der Entstehung der Aktionsgemeinschaft Kaltenmoor beteiligt. Die Aktivität dieser Aktionsgemeinschaft war außergewöhnlich. Es gab eine große Bereitschaft der Bewohner*innen sich im Wohnviertel einzubringen. Die Aktionsgemeinschaft hat dementsprechend im Laufe der Jahre durch bürgerschaftliches Engagement viel zur Verbesserung der Wohnsituation in Kaltenmoor beigetragen. So wurde neben anderen Aktionen eine Stadtteilzeitung geschaffen, ein Aktivspielplatz gebaut, ein Jugendzentrum gegründet und ein Wochenmarkt organisiert. Alle genannten Projekte haben auch heute noch Bestand.

Kaltenmoor heute

Kaltenmoor leidet unter einem negativen Image, das sich häufig nicht mit der Realität deckt. Die Kriminalitätsrate liegt – anders als häufig angenommen – im Vergleich zu anderen Vierteln der Stadt im Durchschnitt. Die heutige gesellschaftlich weit verbreitete Assoziierung von Großwohnsiedlungen mit Monotonie und Tristesse, färbt sich auch auf Kaltenmoor ab. Um präventiv gegen eine Verschlechterung der Wohnsituation vorzugehen, bewarb sich die Stadt Lüneburg 1999 erfolgreich um die Aufnahme Kaltenmoors in das Programm „Soziale Stadt“. Die damit verbundenen Mittel werden genutzt, um einerseits die tatsächlichen physischen Wohn- und Lebensbedingungen zu verbessern und andererseits, die Beteiligung der Bewohner*innen an der Entwicklung des Stadtteils zu stärken. Unter anderem wurde dabei der Bürgertreff Kaltenmoor eingerichtet, der dienstags und freitags am Nachmittag seine Pforten für Bürger*innen des Stadtteils und Interessierte öffnet.

Gemeindezentrum und Café Kontakt © Pez
Gemeindezentrum und Café Kontakt © Pez

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