Ernst-Braune-Siedlung

Ein Beitrag von Melcher Ruhkopf und Philipp Götz

Zwischen Kleinstadtidyll und Moderne – grüner Wohnen in Lüneburg-Mittelfeld

Die in weiten Teilen denkmalgeschützte Ernst-Braune-Siedlung im ansonsten eher unscheinbaren Lüneburger Stadtteil Mittelfeld ist ein Juwel für Architektur-Enthusiasten und Städtebau-Interessierte. Unterschiedliche Architekturstile der Zwischenkriegszeit stehen hier dicht nebeneinander und liefern ein anschauliches Bild städtebaulicher Visionen der 20er und 30er Jahre. Im Unterschied zu den radikal-modernistischen Siedlungen zeitgenössischer Stararchitekten in deutschen Großstädten zeigt sich hier eine vorsichtige, kleinstädtische Moderne, die einen Mittelweg zwischen Tradition und Fortschritt suchte.

Anfang der 20er Jahre war das heute von Ringstraße, Auf der Höhe, Oedemer Weg und Schildsteinweg eingeschlossene Karree noch eine brachliegende Landwirtschaftsfläche, die dem Stadtteil Mittelfeld später seinen Namen geben sollte. Angesichts grassierender Wohnungsnot und unhaltbarer Verhältnisse in Teilen der Altstadt beschloss die Stadt Lüneburg die planvolle Bebauung des Feldes. Um ein „wildes Bauen“ einzelner Bauherren zu vermeiden, führten die städtischen Behörden den Planungsprozess mit strenger Hand. 1924 entwickelten sie einen Siedlungsplan, der mit dem Meinekenhop und der heutigen Ernst-Braune-Straße zwei sich in der Mitte der Siedlung kreuzende Achsen vorsah. Nach Gartenstadt-Vorbild baute die Stadt dort Doppel- und Reihenhäuser, die allesamt über großzügige Belichtung und Belüftung sowie zur Selbstversorgung vorgesehene Gärten verfügten – dringend notwendig zu einer Zeit, in der die Arbeiterquartiere deutscher Städte unter akuter Überbevölkerung und katastrophalen hygienischen Zuständen zu leiden hatten. Allerdings bewirkten die im Vergleich zu gründerzeitlichen Mietskasernen dazu viel bessere Durchlüftung und Belichtung noch keinen Zustand, der heute erwarteten Wohnqualitäten entspricht. So gab es bis ca. 1960 noch keinen Anschluss an die Kanalisation; Fäkalien wurden gesammelt und – ähnlich wie in der Lüneburger westlichen Altstadt – zweimal pro Woche von einem Entsorgungsunternehmen eingesammelt. Dieses Manko ist nun längst behoben, während die thermische Iso-lierung, der Zuschnitt kleiner Räume und die Kellerlosigkeit durch Sanierungen und Umbauten nur bedingt heutigen Maßstäben anzugleichen sind. Zumindest im Zeit-raum des Zweiten Weltkrieges und auch der unmittelbaren Nachkriegszeit von höchstem (Überlebens-)Wert waren jedoch die Gartenflächen, die eine teilweise Selbstversorgung ermöglichten.

  • Siedlungsplan für das „Mittelfeld“, 1924 © Stadtarchiv Lüneburg, StadtALg, K 14 C 149
    Siedlungsplan für das „Mittelfeld“, 1924 © Stadtarchiv Lüneburg, StadtALg, K 14 C 149

Unter der Schirmherrschaft ihres Gründers und späterem Namensgeber der Siedlung, Ernst Braune (1879–1954), stieg ab 1926 die heutige Lüneburger Wohnungsbau GmbH in die Bebauung des Mittelfeldes ein. Auf der Höhe begann sie mit dem Bau von backsteinernen Geschosswohnungen, die auch für weniger betuchte Lüneburgerinnen und Lüneburger erschwinglich sein sollten. Wie die städtischen Doppel- und Reihenhäuser verfügten auch diese über angeschlossene Grünflächen, die jedoch dem genossenschaftlichen Gedanken der Arbeiterbewegung folgend von allen Hausbewohnern gemeinsam genutzt wurden. Im Vergleich zu den im Heimatschutzstil gehaltenen Eigenheimen im Kern der Siedlung orientierte man sich hier stärker am Rationalismus des Neuen Bauens, ohne dabei einen zu starken Bruch mit dem Traditionalismus der anliegenden Häuser herbeizuführen. Diverse öffentliche und private Bauherren setzten die Bautätigkeit am Mittelfeld fort, bis Ende der 1930er Jahre eine harmonische, durch das Nebeneinander der verschiedenen Baustile aber keinesfalls eintönige Siedlung entstanden war. Obwohl seit den Nachkriegsjahren viele der verbliebenen Freiflächen uneinheitlich nachbebaut wurden, hat die Siedlung noch heute viel von ihrem ursprünglichen Charakter bewahrt.

Architekturhistorischer Rundgang

  1. Der Rundgang beginnt an der Bushaltestelle Meinekenhop. Der Eingang zur Siedlung wird von einer repräsentativen Toranlage markiert, die ebenso wie die dahinterliegenden Reihenhäuser dem ersten Bauabschnitt von 1924 entstammt. Das Tor ist eingefasst in ein dreigeschossiges Mehrparteienhaus, das sich in dieser Form nur hier an der Stirnseite der Siedlung findet.
  2. Hinter der monumentalen Eingangssituation befinden sich die städtischen Reihenhäuser des ersten Bauabschnittes. Als ästhetische Verbindung zwischen den beiden Siedlungsteilen wird in den Dachgauben die Giebelform des Torbogens aufgegriffen. Die Reihenhäuser selbst verfügen nur über kleine Vorgärten, der öffentliche Grünstreifen trägt jedoch zum unübersehbar grünen Charakter der gesamten Siedlung bei.
  3. Abseits der befahrbaren Straßen sind weite Teile der Siedlung durch unbefestigte Fußwege zwischen den Hintergärten erschlossen. Die langen, schmalen Grundstückszuschnitte erklären sich über ihre ursprüngliche Funktion als Nutzgärten. Noch heute nutzen einige Anwohner ihren Garten zum Gemüseanbau. Atmosphärisch fühlt man sich hier eher in eine Kleingarten-Kolonie versetzt als in ein Wohngebiet.
  4. Die Ernst-Braune-Straße bildet neben dem Meinkenhop die zweite zentrale Achse der Siedlung. Hier finden sich die ebenfalls ab 1924 gebauten Doppelhäuser, die stilistisch stark von der Heimatschutz-architektur (s. u.) geprägt sind. Wie bereits im Meinekenhop sorgt ein breiter Grünstreifen für Auflockerung.
  5. Auf der Höhe sind die ersten genossenschaftlichen Geschossbauten zu sehen, die hier ab 1926 entstanden. Es handelt sich um dreigeschossige Backsteinhäuser mit Anleihen aus dem Neuen Bauen (s. u.), die für den Charakter der Siedlung ebenso prägend sind wie die verputzten Heimatschutz-Bauten in der Ernst-Braune-Straße und im Meinekenhop. Zwischen den Häusern liegen gemeinschaftlich genutzte Grünflächen. Hinter der historischen Bebauung entlang der Straßen sind die Nachverdichtungen aus der Nachkriegszeit zu sehen, deutlich erkennbar an dem helleren Backstein.
  6. Neben den zwei für die Siedlung prägenden Bautypen der Backsteinmoderne und des Heimatschutzstils existieren noch zahlreiche Nachkriegsbauten. Ab 1945 wurden viele Freiflächen mit Einzel- und Doppelhäusern ebenso wie mit Geschosswohnungsbau aufgefüllt. Da hier zumeist einzelne private Bauherren tätig waren, sind die Einfamilienhäuser sehr unterschiedlich gestaltet.
  7. Im Zuge der kleinteiligeren Bebauung Anfang der 1930er Jahren entstanden diese Mehrfamilienhäuser, die Staffelgiebel als ein weiteres Stilelement einführen. Im Gegensatz zu weiten Teilen der Siedlung sind diese Häuser einheitlich saniert und modernisiert. Andernorts befindet sich die Sanierung der Häuser auf sehr unterschiedlichen Ständen, so etwa auf der gegenüberliegenden Straßenseite oder am Lerchenweg.
  • Repräsentativer Eingang zum Meinekenhop © Götz/Ruhkopf
    Repräsentativer Eingang zum Meinekenhop © Götz/Ruhkopf

 

Architektur im Umbruch: Heimatschutz trifft Neues Bauen

Die hell verputzten Doppel-, Reihen- oder Mehrfamilienhäuser bilden zusammen mit den roten Backsteinbauten die zwei prägenden Architekturstile des Quartiers. Die 20er und 30er Jahre, aus denen der Großteil der Bebauung stammt, spiegeln eine Umbruchphase der Architektur wider, die zum Nebeneinander traditioneller und moderner Gestaltung führte.

Die verputzten Bauten stehen dem Heimatschutzstil nahe, der sich auf traditionelle und regionaltypische Formen beruft. Neben den abgeknickten Mansarddächern sind vor allem die traditionellen Elemente wie Giebel – dreieckig oder gestaffelt – und Gauben charakteristisch für diese Gebäude. Vereinzelt noch mit Sprossenfenstern und hölzernen Fensterläden versehen, vermitteln die Häuser ein ruhiges Kleinstadtidyll. Die unverputzten Backsteinbauten sprechen eine andere (architektonische) Sprache: Klare Linien, schlichte Formen. Akzente setzen kleine Details wie die gerundeten Vordächer, schmalen Simse oder die teils versetzten Fensteranordnungen. Diese rationaler und moderner anmutenden Mehrfamilienhäuser sind Vertreter des Neuen Bauens. Das Neue Bauen (und dessen bekanntester Botschafter Bauhaus) galt in der Zwischenkriegszeit als Konkurrent des konservativen Heimatschutzstils.

Dass die konkurrierenden Stile im Quartier trotz erkennbarer Brüche so gut harmonieren, liegt vor allem an zwei Gemeinsamkeiten: Beide eint der im Vergleich zum üppigen Historismus zurückhaltende Einsatz von Dekoren und anderen Gestaltungselementen. Zweitens verzichten die Backsteinbauten auf die modernen Flachdächer, die wohl einen stärkeren Kontrast zu den Mansarddächern provoziert hätten.

Wohnungsnot in den Städten

Spannend ist nicht nur die architektonische Koexistenz traditioneller und moderner Formensprache. Die Entstehung der Siedlung fällt auch in jene Zeit, in der die Ideale des gründerzeitlichen Städtebaus durch die moderne, aufgelockerte Stadtplanung abgelöst wurden. Die Erschließung und Bebauung der ehemals agrarisch genutzten Flächen war die Antwort auf das Bevölkerungswachstum und den daraus resultierenden Wohnungsmangel. Im Zuge der industriellen Revolution wuchs die Einwohnerzahl Lüneburgs von gut 13.000 im Jahr 1855 auf fast 30.000 im Jahr 1925. Ein Phänomen, das Lüneburg in dieser Zeit mit vielen europäischen Städten teilt.

Vor allem in den Großstädten sorgten Landflucht und Bevölkerungswachstum im 19. und 20. Jahrhundert für umfassende Urbanisierungsprozesse. Mit der zunehmenden Verstädterung verschlechterten sich besonders die Wohnverhältnisse der einfachen Bevölkerungsschichten. Die Arbeiterviertel wurden immer dichter bebaut: Im „steinernen“ Berlin wuchsen die Mietskasernen mit ihren Hinterhöfen und -häusern und in Hamburg entstanden in hafennahen Gebieten die verwinkelten Gängeviertel. Große Familien wohnten auf engsten Verhältnissen mit unzureichenden oder gar fehlenden sanitären Anlagen – teilten sich in den größten Zeiten der Wohnungsnot mitunter die Betten mit fremden Personen (sogenannten Schlafgängern). Durch die engen baulichen Strukturen und die hohe Bevölkerungsdichte mangelte es in den entsprechenden Vierteln an frischer Luft und ausreichender Belichtung. In feuchten und stickigen Wohnungen wurden die Menschen anfällig für Krankheiten wie Tuberkulose und Epidemien der Cholera. Im vergleichsweise beschaulichen Lüneburg gab es keine riesigen Arbeiterslums wie in den Großstädten. Doch im Hinblick auf die bauliche Dichte der Altstadt und die sanitäre Ausstattung der zahlreichen alten Gebäude gab es auch hier Bedarf für gesünderen Wohnraum.

Gartenstadtbewegung

Zur Überwindung dieser städtebaulichen Probleme wurde Ende des 19. Jahrhunderts die Idee der Gartenstadt geboren. Als Pionier gilt der Brite Ebenezer Howard (1850-1928) mit seinem einflussreichen Werk Garden Cities of Tomorrow. Howard entwirft hier das Modell einer neuen Siedlungsform, die die Trennung zwischen Stadt und Land aufheben soll. Die Vorteile der Großstadt – Arbeit, Kultur und Einkaufsmöglichkeiten – sollten genauso berücksichtigt werden wie die Vorteile des Landlebens mit seinen grünen Landschaften, frischer Luft und geringer Bevölkerungsdichte. In seinem idealen Modell entstehen neue und durch Verkehrslinien verbundene Städte mit ringförmigen Zonen verschiedener Nutzungen. Gesunde Wohngebiete sind durch Parks, Gärten oder Wälder von Fabriken, Geschäften und dem administrativen Stadtzentrum getrennt. Dieses ideale Modell der Gartenstadt wurde niemals vollständig umgesetzt, doch Howards Ideen wurden für zahlreiche Siedlungen, etwa im englischen Letchworth oder der Dresdner Gartenstadt Hellerau, übernommen. Anhänger der Gartenstadtbewegung verknüpften die Gartenstadt oft mit weiteren neuen Lebensentwürfen wie dem Genossenschaftsgedanken, der Sozialdemokratie oder Reformpädagogik.

  • Mansarddächer und Gauben sind typische Stilelemente der Heimatschutz-Architektur. © Ruhkopf/Götz
    Mansarddächer und Gauben sind typische Stilelemente der Heimatschutz-Architektur. © Ruhkopf/Götz

 

Die Ernst-Braune-Siedlung in Lüneburg – eine Gartenstadt?

Die Siedlung rund um die Ernst-Braune-Straße und den Meinekenhop ist zwar keine Gartenstadt im klassischen Sinne, doch die baulichen Strukturen orientieren sich an ihren städtebaulichen Visionen: Ein nahezu reines Wohngebiet am Rande der Stadt, getrennt von industrieller oder gewerblicher Nutzung. Der Schwarzplan zeigt die lockere Baumasse des Gebietes. Hier stehen keine dichten Blöcke mit engen Hinterhofstrukturen, sondern freistehende Einzelhäuser oder Zeilen mit viel Licht, Luft und Sonne. Der Raum zwischen den Häusern ist durch grüne Verkehrsinseln, Vorgärten und große Gärten geprägt.

Nahezu jede Fläche, die nicht bebaut ist oder dem Verkehr dient, wurde bepflanzt. Der Garten gilt in diesem Stadtkonzept als elementarer Bestandteil des Wohnens und Lebens. In den Entstehungsjahren überwiegend zur Selbstversorgung mit Obst und Gemüse gedacht, werden die Gärten heute auch für Spielplätze, Blumenbeete, Grillplätze oder schlichte Rasenflächen genutzt. Vor allem im Frühling und Sommer, wenn es so richtig grünt und blüht, ist die Siedlung eine Entdeckungsreise wert.

2 Kommentare

  1. Von hygienischen Verhältnissen in der Ernst-Braune-Straße zu sprechen ist geradezu ein Witz.
    Die Häuser in dieser Straße hatten bis ca. 1960 sogenannte „Plumsklos“, Kübel die zweimal die Woche den Straßenrand zierten und dort zur Entsorgung standen. Häuser die schlecht isoliert waren, ohne Keller und winzige Zimmer hatten. Der Vorteil dieser Doppelhäuser, alle hatten einen großen Garten, die im Krieg und der Nachkriegszeit von großem Wert für die Selbstversorgung waren.

    1. Guten Tag Herr Reher,

      vielen Dank für diesen sehr berechtigten Hinweis! Wir haben den Artikel überarbeitet und an der entsprechenden Stelle einen korrigierenden Texteinschub vorgenommen.

      Mit vielen Grüßen,
      Inga Luchs

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