Reichenbachstraße Nr. 2

Ein Beitrag von Marit Persiel

Zwischen Schmiedekunst und Künstlerschmiede

Zwischen den Hausnummern 1 und 3 der Reichenbachstraße prangen über dem Torbogen prächtige, gusseiserne Lettern: Carl Mundinus & Co – Maschinenfabrik & mechan. Werkstatt.

Unter diesem Namen steht das ebenso reich verzierte schmiede-eiserne Tor weit offen und lädt Besucher ein, sich den dahinter befindlichen Hinterhof anzuschauen. Doch auch rechts neben dem Tor hängt ein Hinweis. Der ist weitaus schlichter als der kunstfertig geschmiedete Eingang, doch es ist dieses weiße Banner, das verrät, was sich heute in dem Hinterhof befindet: Die Halle für Kunst. Ein Ort, der international bekannt ist für sein engagiertes und mutiges Ausstellungsprogramm.

  • Halle für Kunst © Persiel
    Halle für Kunst © Persiel

Zwischen Mittelalter und Industrieller Revolution – ein geschichtlicher Rückblick

Das Gebäude der Reichenbachstraße Nummer 2 liegt auf der einen Seite angrenzend an die kopfsteingepflasterte Baumstraße, die sich zwischen Bardowicker Straße und Im Wendischen Dorfe erstreckt. Früher war sie unter dem Namen „Hinter der Bardowicker Mauer“ bekannt und wurde erstmals im Jahre 1424 bebaut. Damals lag die Baumstraße noch direkt an der nördlichen Stadtmauer Lüneburgs. Heute ist sie vor allem für die reich verzierte Nummer 3 bekannt, ein traufständiger Fachwerkbau unter Satteldach, der im Jahre 1538 errichte wurde.

Auf der anderen Seite der Gebäude liegt der Hinterhof und Zugang zur Reichenbachstraße Nummer 2. Die namengebende Straße ist im Gegensatz zur Baumstraße recht jung. Sie entstand erst am Ende des 19. Jahrhunderts, als der Industriegürtel um Lüneburgs Innenstadt entstand. Vor 1927 trug diese Straße aufgrund der örtlichen Nähe auch noch den Namen „Schlachthausstraße“, welcher dann aber nach dem Senator und Ehrenbürger Johannes Reichenbach umbenannt wurde. Johannes Reichenbach ziert auch heute noch den 1908 erbauten Reichenbach-Brunnen an der Kreuzung Bardowicker Straße und Reichenbachstraße.

  • Halle für Kunst Lüneburg © Persiel
    Halle für Kunst Lüneburg © Persiel

Im Zuge der Industriellen Revolution entstanden auch in Lüneburg Maschinen- und Eisenfabriken. Eine davon wurde von Carl Mundinus am 01. Juli 1893 in der damals noch Schlachthausstraße 2 gegründet. Die zugehörige kleine Fabrikhalle wurde im Hinterhof der Reichenbachstraße 2 erbaut. Die Fabrik warb als „Specialität“ mit ihren Fassmaschinen, sie stellte aber auch Dampf-Anlagen, Motoren und Stanzen her. Sogar Dreh- und Hobelarbeiten jeder Art gehörten zum Repertoire der „Schlosserei Mundinus“.

Von der Schmiedekunst zur Künstlerschmiede – Die Halle für Kunst Lüneburg

Vor wenigen Jahren wurde dann der Ort der Schmiedekunst zur Künstlerschmiede.  Im Jahr 2003 zog der damals siebenjährige Verein „Halle für Kunst Lüneburg eV“ in die ehemalige Mundinus-Fabrik ein. Der Verein wurde im Jahr 1995 von den beiden Magisterstudierenden Heike Munder und Bernd Milla der Universität Lüneburg gegründet. Vorher ansässig in der Feldstraße zog der Verein nach siebenjährigem Bestehen und unter neuer Leitung 2003  in die Reichenbachstraße 2 um. Seitdem befindet sich hinter der großen, gläsernen Eingangstür ein strahlend weißer, offener Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst.

Fabrik wird zu Kunsthalle – ein Ort zum Wandeln und Verweilen

Von der Baumstraße aus kann man einen Blick durch eines der fünf großen Fenster in das Innere der Halle für Kunst werfen. Sowohl die wellenförmige Decke, getragen von einem einzelnen Stahlträger, als auch die schlicht verputzten Wände geben dem Raum immer noch etwas Fabrik Ähnliches. In Verbindung mit dem grau gestrichenen Boden, lässt die Schlichtheit des Raumes die ausgestellte Kunst noch mehr in den Vordergrund treten. Auf den fast 120 m² ehemalig wirtschaftlich genutzten Bodens kann man nun zwischen den Kunstwerken wandeln, welche die Wände schmücken, von der Decke hängen oder auch frei im Raum stehen. Mal kann man an bemalten Leinwänden vorbei wandeln, dann sich wieder vor einen Fernseher setzen und sich mit Kopfhörern von der Außenwelt abschotten und in die Kunstwelt eintauchen. Die Ausstellungen werden bis in kleinste Detail von den Künstler_innen und Kurator_innen durchdacht und in unterschiedlichster Weise medientechnisch aufbereitet.

  • Halle für Kunst Lüneburg © Persiel
    Halle für Kunst Lüneburg © Persiel

Das Ausstellungsprogramm der Halle für Kunst Lüneburg

Es sind vor allem junge Künstler, die hier einen Ort und Unterstützung für ihre ersten Ausstellungen und Veröffentlichungen bekommen. Die Halle für Kunst fungiert hierbei auch als ein Forum, um neue künstlerische Ideen und Perspektiven zu entwickeln. Pro Jahr werden so fünf bis sechs Ausstellungen für die Halle für Kunst von den Kurator/innen konzipiert. Neben den Einzelausstellungen einzelner Künstler, sind auch Gruppenausstellungen im Programm, die dann einem bestimmten Thema oder einer Fragestellung zugeordnet sind. In den vergangenen Jahren wurden so Gruppenausstellungen zu den Themen „American Fine Arts“ oder dem „Kabinett der Abstrakten“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Dieses engagierte und mutige Ausstellungsprogramm bescherte der Halle für Kunst im Jahr 1999 den Jürgen Ponto-Preis. In den Jahren 2010, 2012 und 2013 wurde sie außerdem für den ADKV-Art Cologne Preis für Kunstvereine nominiert. Zunehmend erlangt die Halle für Kunst auch internationale Relevanz und kann Besprechungen einzelner Ausstellungen in höchst anerkannten Kunstzeitschriften vorweisen. So gab es schon Artikel unter anderen im New Yorker artforum und in der Zeitschrift frieze, die in London herausgegeben wird.

Kunstvermittlung für Alt und Jung

Dem Verein geht es vor allem um den regionalen, internationalen und kulturellen Austausch. Jede Ausstellung wird von verschiedenen Programmen begleitet, die in der Halle für Kunst durchgeführt werden. So werden auch Filme und Performances vorgeführt, Diskussionen und Vorträge gehalten und Ausflüge angeboten. Einmal pro Ausstellung lädt die Halle für Kunst zu „Kunst und Kuchen“. An diesen Sonntagen bekommt man neben herausragender Kunst auch Kaffee, Tee und selbstgebackenen Kuchen serviert, der umsonst für die Besucher bereitsteht.

Auch für Kinder gibt es für jede Ausstellung ein umfangreiches Vermittlungsprogramm. In der Zusammenarbeit mit verschiedenen Schulen in Lüneburg und Umgebung begreift sich die Halle für Kunst nicht nur als reiner Ausstellungsraum, sondern auch als Ort zur Vermittlung von Kunst. So kann man im Kalender der Webpräsenz der Halle für Kunst Veranstaltungen wie „Kinder führen Kinder“ oder „Kinderclub“ finden. Außerdem bietet die enge Zusammenarbeit mit der Leuphana Universität Lüneburg den Studierenden der Lüneburger Universität, aber auch allen anderen Hochschulen und Universitäten, die Sichtbarmachung der Möglichkeiten künstlerischer wie auch kuratorischer Praxis. Es werden das ganze Jahr über Praktika angeboten, die einen Blick in das Innere eines professionellen Ausstellungsbetriebs ermöglichen.

Mitglied werden im Kunstverein „Halle für Kunst Lüneburg eV“

Die Halle für Kunst ist ein eingetragener Verein, der sich außer über Subventionen und Stiftungsgelder auch über eingetragene Mitgliedschaften finanziert. Jedes Mitglied des Vereins bekommt durch den Mitgliedsausweis nicht nur freien Eintritt in den über 300 Kunstvereinen, die der ADKV angeschlossen sind, sondern auch Vergünstigungen auf die Publikationen der Halle für Kunst sowie die Möglichkeit Jahresgaben und somit Ausstellungsstücke zu erwerben. Für die Mitglieder des Vereins wird ein exklusives Mitgliederprogramm veranstaltet, welches Kunstreisen, Hochschulrundgänge, Galerie-, Atelier- und Ausstellungsbesuche auch außerhalb Lüneburgs beinhaltet und einen Einblick in das zeitgenössische Kunstgeschehen bietet. Außerdem ist so eine aktive Mitgestaltung des Kunstvereins und somit dem kulturellen Leben in Lüneburg möglich.

Gerne sind Besucher eingeladen unter den hundert Jahre alten Lettern des Torbogens der Reichenbachstraße 2 hindurch zu schreiten und der Halle für Kunst Lüneburg einen Besuch abzustatten.

Informationen 
Jeden Mittwoch bis Sonntag ist die Halle für Kunst von 14 Uhr bis 18 Uhr für Besucher geöffnet.
Der Eintritt ist kostenfrei.

Halle für Kunst Lüneburg eV
Reichenbachstraße 2
21335 Lüneburg
www.halle-fuer-kunst.de

 

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