Das Heinrich-Heine-Haus

Ein Beitrag von Sandra Eikel und Kim Aileen Jessen

Lyrik in Lüneburg

Das Heinrich-Heine-Haus erhielt seinen Namen durch Heinrich Heine, dessen Eltern in den Jahren 1822 bis 1826 im Obergeschoss des Hauses lebten. Heine hat seine Familie dort regelmäßig besucht und die Ruhe der Kleinstadt genutzt, um Inspirationen für seine Werke zu sammeln. Anfangs nicht allzu angetan von der Provinz, entwickelte sich mit der Zeit und den ersten Kontakten für ihn das Gefühl einer zweiten Heimat. Noch heute sind Nachwirkungen von Heines Präsenz in Lüneburg zu spüren: Das Haus wird als Ort kultureller Begegnungen vielfältig genutzt. Neben dem reichen literarischen Angebot kommen auch Kunstliebhaber/-innen auf ihre Kosten. Der Renaissance-Bau lädt mit seiner aufwendigen Fassade die neugierigen Betrachter/-innen dazu ein, sich auch die farbintensiven Deckenmalereien im Inneren des Hauses anzuschauen. Begeben Sie sich auf die Spuren Heines und entdecken Sie die literarische Kultur Lüneburgs! Für eine Führung wird eine rechtzeitige Terminreservierung unter 04131-3093687 erbeten.

Heutige Nutzung des Heinrich-Heine-Hauses

Das Heinrich-Heine-Haus wird heute von kulturellen Einrichtungen unter Aufsicht der Stadt Lüneburg gemeinsam verwaltet. Während im Erdgeschoss Trauungen durchgeführt werden, wird der erste Stock von drei Parteien genutzt:

·         Literaturbüro Lüneburg e. V.
·         Literarische Gesellschaft Lüneburg e. V.
·         Bund Bildender Künstler Lüneburg e. V. (BBK)

Auf derselben Etage befindet sich auch die Stipendiaten-Wohnung, die im Zuge des Literaturstipendiums der Stadt Lüneburg und des Landes Niedersachsen vergeben wird. Die Betreuung und Organisation übernimmt das Literaturbüro Lüneburg. Im Rahmen eines dreimonatigen Aufenthaltes wird den Stipendiaten die 50m² große Wohnung im Anbau des Heinrich-Heine-Hauses mietfrei für ihre literarische Arbeit zur Verfügung gestellt. Des Weiteren erhalten sie ein monatliches Stipendium in Höhe von 1.400 Euro. Aktuelle Ausschreibungen sowie Bewerbungsrichtlinien und Details können der Homepage des Literaturbüros Lüneburg e. V. entnommen werden.

Der zweite Stock besteht aus Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen, die von den hausinternen Parteien für eigene Events genutzt werden. Hier finden zum Beispiel Lesungen und Gesprächsrunden des Literaturbüros oder der literarischen Gesellschaft statt – zum Teil in Kooperation mit der Leuphana Universität Lüneburg. Ein Bereich der Räumlichkeiten der zweiten Etage gehört außerdem zum Kunstverein Lüneburg e. V., der mit wechselnden Ausstellungen die historischen Räume mit zeitgenössischer Kunst belebt.

Zeitgleich mit dem Abschluss der Renovierungsarbeiten des Heinrich-Heine-Hauses am Lüneburger Marktplatz fiel 1993 die Gründung des Literaturbüros, das vom Land Niedersachsen und von der Stadt Lüneburg gefördert wird. Es legt als „Forum für Literatur und Literaturförderung in Lüneburg und der Region“ einen Schwerpunkt auf persönliche Begegnungen.[3] Dabei spielt das Alter des literaturinteressierten Publikums keine Rolle: Für junge Schüler gibt es die Möglichkeit, unter dem Titel „Junges Literaturbüro“ ergänzende Veranstaltungen zum Deutschunterricht zu besuchen. Außerdem wird eine Vielfalt von Veranstaltungen und Lesungen mehrmals im Monat für alle Altersgruppen in historischer Atmosphäre des Heinrich-Heine-Hauses angeboten. Der Schwerpunkt liegt dabei auf deutscher Gegenwartsliteratur und Veranstaltungen mit internationalen Autoren/Autorinnen. Weitere Aktivitäten umschließen künstlerische Bereiche wie Musik, Bildende Kunst, Theater und Film.

Seit 2009 werden auch angehende Literaturwissenschaftler/-innen gezielt angesprochen: Mit der Entstehung der Heinrich-Heine-Gastdozentur wird seit sechs Jahren ein direkter Zugang zwischen Studierenden der Leuphana Universität und etablierten Autoren/Autorinnen gepflegt. Die Kooperation besteht aus einer öffentlichen Vorlesung der Gastdozenten und einem gemeinsamen Workshop mit den Studierenden. Zur Vorbereitung dient ein begleitendes Seminar im Komplementärstudium, welches im Sommersemester belegt werden kann. Das Literaturbüro bietet außerdem Praktika für Studierende an. Über interessierte Anfragen und Bewerbungen freut sich Geschäftsführerin Kerstin Fischer: literaturbuero@stadt.lueneburg.de. Führungen durch die Räumlichkeiten können nur nach Absprache stattfinden, melden Sie sich hierfür gerne unter 04131-3093687.

Die Literarische Gesellschaft Lüneburg wurde 1987 gegründet und hat ihren Sitz seit 1993 im Heinrich-Heine-Haus. Bisher fanden über 500 Veranstaltungen der Literarischen Gesellschaft in dem Gebäude statt, darunter die jährliche Gedenkfeier am 21. Mai, Heinrichs Ankunftstag in Lüneburg. Neben dem Empfang vieler berühmter Schriftsteller/-innen, darunter auch der Nobelpreisträger Gün­ter Grass und Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, bemüht sich die Literarische Gesellschaft um ein buntes Programm. Mit dem Ziel, das „kulturelle Leben der Region […] [zu] bereicher[n]“, entsteht, oft in Kooperation mit weiteren kulturellen Einrichtungen, ein Veranstaltungsspektrum, das von Lesungen und Vorträgen bis hin zu Exkursionen und Seminaren reicht. Im Zentrum steht dabei die Literatur in all ihren Facetten unter Berücksichtigung von Nachbardisziplinen wie Theater und Musik. Jeden dritten Montag im Monat findet um 17 Uhr ein Lektüre-Gesprächskreis unter der Leitung von Frau Müller und Frau Sud­höl­ter statt. Hier werden gemeinsam literarische Werke besprochen und eigene Leseempfehlungen ausgetauscht. Alle Literaturinteressierten sind herzlich eingeladen.

Der Bund Bildender Künstler vertritt bundesweit die Interessen von circa 14.000 Künstler/-innen, davon sind 60 in Lüneburg angesiedelt. Der BBK Lüneburg fungiert als selbständiger und parteipolitisch unabhängiger Verein. Er übernimmt mehrere Aufgabenbereiche, unter anderem beschäftigt er sich mit der Suche nach Ausstellungsmöglichkeiten und kommuniziert und fördert Erfahrungsaustausche unter den Künstlern/Künstlerinnen und zwischen ihnen und der Öffentlichkeit. Der BBK steht seinen Mitgliedern beratend zur Seite, zum Beispiel bei Vertrags- und Steuerfragen oder Fragen zur Krankenversicherung. In der Tradition des BBK steht eine Gruppenausstellung, die alle zwei Jahre in Lüneburg stattfindet (früher im Museum für das Fürstentum Lüneburg). Allen Mitgliedern bietet sich zusätzlich die Möglichkeit an den Landesausstellungen des BBK Niedersachsen teilzunehmen.

In der zweiten Etage des Heinrich-Heine-Hauses befindet sich ein Teil der Ausstellungsfläche des Kunstvereins Lüneburg. 1984 gegründet, kann der Verein auf eine aktive Vergangenheit zurückblicken, die im Archiv auf der Homepage des Vereins dokumentiert wurde. Themenschwerpunkte des Vereins konzentrieren sich auf Fotografie, Kunst im öffentlichen Raum und Architektur. In der Lüner Straße 10A wurde 2014 mit der „Galerie der Kunstvereine Lüneburg und Tosterglope“ ein zweiter Ausstellungsstandort eröffnet. Einer der letzten Höhepunkte war die magische Lichtinstallation „Hochzeitsballett der Leuchtkäfer“ von Francesco Mariotti im Wandrahmpark, die an malaysische Glühwürmchen aus den Mangrovenwäldern erinnern sollte. Bilder dazu sind ebenfalls auf der Homepage des Vereins zu finden.

Adresse und Anfahrt
Am Ochsenmarkt 1
21335 Lüneburg
Bus vom Bahnhof: 5005, 5009, 5013 bis Haltestelle Rathaus
Zu Fuß vom Bahnhof: 13 Minuten (ca. 1,1 km)

  • Blick in den Ausstellungsraum des Kunstvereins im zweiten Obergeschoss © Eikel/Jessen
    Blick in den Ausstellungsraum des Kunstvereins im zweiten Obergeschoss © Eikel/Jessen

Geschichte des Hauses

Das Gebäude „Am Ochsenmarkt 1“ befindet sich mitten in der Lüneburger Altstadt und in unmittelbarer Nähe zu Rathaus und Marktplatz. Mit seiner Außenfassade erzählt es eine spannende Geschichte und lädt darüber hinaus mit seinen farbenfrohen Deckenmalereien zu einer Reise in die Vergangenheit ein.

So wie sich die Stadt Lüneburg im Laufe der Jahrhunderte veränderte, durchlief auch das Haus einen historischen Wandel. Es wurde mehrmals umgebaut, ausgebaut und renoviert und beherbergte über Jahre hinweg die unterschiedlichsten Bewohner/-innen: Zum einen diente es adeligen Patriziern als prächtige Unterkunft, zum anderen bot es Schauspielern auf der Suche nach Theaterräumen ein Dach über dem Kopf. Nicht zuletzt wurde es dann, wenn auch zunächst widerwillig, zu einem Stück Heimat für einen der bekanntesten und einflussreichsten Dichter unserer Zeit: Heinrich Heine.

Dank der gut geführten Dokumentation des Lüneburger Baubuchs lässt sich die Errichtung des Heinrich-Heine-Hauses auf das Jahr 1563 zurückverfolgen. Für das Fundament des Hauses wurden sogar ältere Bausubstanzen umliegender Gebäude verwendet, die vorwiegend aus dem 14. Jahrhundert stammten. Die farbig gestalteten Innenräume des Hauses zeugen noch heute von der Blütezeit Lüneburgs, in der das Haus erbaut worden ist. Selbst viele Jahre nach ihrer Entstehung haben die Malereien kaum an Leuchtkraft verloren und erzählen den aufmerksamen Betrachtern/Betrachterinnen ihre Geschichten aus einer längst vergangenen Zeit.

Auf Abbildung 3 ist die prächtige Deckenmalerei eines Raumes im zweiten Obergeschoss zu sehen, der vermutlich früher als Tanzsaal genutzt wurde. So wie der gesamte Neubau des Hauses diente wohl auch dieser Raum vorrangig der Repräsentation. Die Wohnräume der damaligen Besitzer, der Familie Witzendorff, befanden sich in einem angrenzenden Gebäude links vom heutigen Heinrich-Heine-Haus. Die Durchgänge, die beide Häuser miteinander verbunden haben, sind heute nicht mehr vorhanden. Außerdem gehörten zu dem Gebäudekomplex im 18. Jahrhundert fünf bis sieben Anbauten, sogenannte Hinterbuden. Erst vor diesem Hintergrund erschließt sich die Größe und der Reichtum der damaligen Besitzer, die sich solch ein Anwesen leisten konnten.

Das Haus wurde lange Zeit von Generation zu Generation weitervererbt und blieb bis zum Neubau 1563 im Besitz der Sülfmeister Familie Witzendorff. Mit dem Tode von Hartig von Witzendorff fiel die Verwaltung des Hauses auf seine Mutter Anna, geborene von Stöteroggen. Im Laufe der Zeit verbrachten viele Eigentümer und Besucher ihr Leben in dem Gebäude, zum Beispiel Herzog Georg Wilhelm, an den es 1693 veräußert wurde. Zur selben Zeit bewohnte vermutlich ein italienischer Maurermeister eine der Hinterbuden, der für den Bau des Schlosses verantwortlich gewesen sein soll. Bis 1706 quartierten sich hohe Offiziere in dem Gebäude Am Ochsenmarkt ein, danach wechselten die Bewohner erneut. Im Laufe der Jahre wurden weitere Buden errichtet und Umbauten vorgenommen. Um 1820 konnte der  Lüneburger Bürgermeister Georg Leonhard von Dassel das Gebäude sein Zuhause nennen. Am 24. April 1822 wurde das Haus erstmals mit der Familie Heine in Verbindung gebracht: Salomon Heine mietete das zweite Stockwerk für seinen Bruder Samson und dessen Familie. Das Erdgeschoss wurde währenddessen von einem Bankier bewohnt. Der 21. Mai 1823 war ein prägendes Datum für die Lüneburger Geschichte: An diesem Tag besuchte Heinrich Heine zum ersten Mal seine Eltern im Haus in der Nähe des Marktplatzes. Einige weitere Besuche folgten, während derer das Haus in den Besitz des Verlegers und Buchhändlers Bernhard Gotthard Wahlstab überging (1824). Die Familie Heine wohnte jedoch noch bis 1826 in dem Patrizierhaus. In diesem Jahr beendete der jüngste Sohn seine Schulausbildung und die Eltern, nun allein, zogen in eine andere Wohnung am Marktplatz. 1901 wurde eine Granittafel zum Gedenken an den Wohnort der Heines an der Hausfassade angebracht, die jedoch zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wieder entfernt wurde. Der Krieg führte dazu, dass viele „Ausgebombte“ und „Ostflüchtlinge“ in den Zimmern des Erdgeschosses Zuflucht fanden. 1941 erwarb schließlich die Stadt Lüneburg das Anwesen und 15 Jahre später, 1956, wurden bei ausgiebigen Renovierungsarbeiten zum 100. Todestag von Heine alte Deckenbemalungen freigelegt. 1985 wurden bei ähnlichen handwerklichen Arbeiten in den Innenräumen sehr gut erhaltene Ausmalungen entdeckt (siehe Abbildung 3), die laut des Instituts für Denkmalpflege von „großer kunst- und kulturhistorische[n] Bedeutung“ waren. Nach dem Abschluss der Sanierungsarbeiten wurde das Heinrich-Heine-Haus 1993 feierlich wieder eröffnet. Seitdem bietet es Raum für vier kulturelle Einrichtungen und wird aufgrund seiner dekorativen Innenräume auch für Trauungen genutzt.

Architektur des Gebäudes

Das Heinrich-Heine-Haus zählt zur Lüneburger Patrizierarchitektur. Mitte des 16. Jahrhunderts von dem wohlhabenden Sülfmeister Hartwig von Witzendorff errichtet, traf der Renaissance-Bau mit seiner Architektur und „modernsten Fassade“ den Geschmack der Zeit. Das Gebäude setzte sich damals aus einem giebelständigem Haupthaus und einem traufständigen Flügelbau sowie einer Budenreihe zusammen. Durch diese dominante räumliche Ausprägung wurde die gesellschaftlich hohe Stellung der Hausbewohner auch im Stadtbild demonstriert. Um sich gegenüber anderen sozialen Schichten abzugrenzen, wurde eine eigene architektonische aufwendige Zeichensprache entwickelt. Diese repräsentativen Elemente finden sich auch am Heinrich-Heine-Haus wieder.

  • Das Heinrich-Heine-Haus © Eikel/Jessen
    Das Heinrich-Heine-Haus © Eikel/Jessen

Ornamentik und allegorische Elemente in der Architektur

Die Außenmauern aus Backstein werden noch heute von einer reich verzierten Giebelfassade geschmückt und lassen an die Blütezeit Lüneburgs – dank Hanse und Saline – erinnern. Auffällig ist besonders die Verwendung von verschiedenen Formziegeln und Tausteinen. Der Sieben-Staffel-Giebel des Heine-Hauses ist erkennbar, doch durch ein Sandsteinrelief aus Delphinen leicht verborgen. Eine Interpretation dieser Tiersymbolik auf der Fassade liefert Werner Preuß. Für den Historiker und Kulturwissenschaftler ist der Delphin religiös konnotiert. Preuß assoziiert mit ihm das Gedankengut der Renaissance, die Idee der Verweltlichung und die Wiederentdeckung der Antike. Er sieht in der Ornamentik weiterhin einen Verweis auf den antiken Schriftsteller Plinius, der den Delphin als musikliebenden Menschenfreund ansieht. Der Delphin als „friedfertiges und soziales Wesen, das dennoch kämpfen kann“ wird außerdem als „freundlicher Begleiter der Verstorbenen in das Totenreich“ gedeutet. Das Christentum übertrug diese Sichtweise früh auf Christus, weswegen Grabmäler häufig mit Delphinen (und Muscheln, als Sinnbild für Fortpflanzung ohne geschlechtlichen Kontakt) verziert wurden. In der Architektur des Heine-Hauses spiegeln sich eben diese christlich-antiken Vorstellungen wider. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Allegorie der Fassade leichter lesen. Nach Preuß sehen wir Delphine, die von Fabelwesen bedrängt werden, während hinter ihnen Meergeister in stürmischer Gestalt und Gestik auftauchen. Der Autor sieht in dieser Erzählung die Angst der Renaissance-Menschen vor einer Welt, die einer von „Hexen und Dämonen bevölkerten See“ gleicht. Unterstützt wird dieses Argument von den geöffneten Muschelschalen im Portal des Heine-Hauses. Es wird vermutet, dass sich eins die Figuren von Adam und Eva in der Nische des Portals befunden haben – eine Referenz auf den sündigen Menschen. Die Wappendarstellung über dem Sandsteinportal ist dagegen frei von Symbolik und verweist sachlich auf die Besitzer des Hauses (links Witzendorff, rechts Haker). Die Delphin-Ornamentik begegnete Hieronymus von Witzendorff vermutlich auf seinen Reisen nach Italien und beeinflusste die Architektur seines Hauses maßgeblich.

Deckenmalerei in den Innenräumen

Betritt man das Heinrich-Heine-Haus für eine Besichtigung oder zum Besuch einer der Lesungen des Literaturbüros, sollte der Blick unbedingt einen Moment auf den zahlreichen Deckenverzierungen verweilen. Besonders im ersten und zweiten Obergeschoss strahlen die Farben dem/der Besucher/-in von Weitem mit großer Leuchtkraft entgegen. Viele Innenräume von Patrizierhäusern im 15. und 16. Jahr-hundert weisen Deckenmalereien auf, aber nicht immer sind diese so gut erhalten wie im Heine-Haus. Dies ist der Tatsache zu verdanken, dass die Holzdecken jahrelang abgehangen waren, sodass die Malereien zwar lange unentdeckt, dafür aber auch geschützt blieben. Die Deckenmalereien sind meistens nicht direkt auf die Holzbalken aufgetragen worden, sondern wurden auf einen Leinengrund gemalt, welcher an der Decke befestigt wurde. Diese Leinenstreifen sollten Risse im Balken überdecken. An einigen Stellen ist es bei genauer Betrachtung sogar möglich, Leinenstücke zu sehen, die sich von der Decke gelöst haben (siehe Abbildung 6).

Die aufwendige Bemalung der Decken entsprang vermutlich rein ästhetischen Ursprüngen. Das Ornament war ein beliebtes Motiv, um Innenräume zu gestalten, die repräsentative Zwecke erfüllten (Empfangsräume, Tanzsäle). Die Schmuckfunktion überwiegt dabei die erzählende Funktion. Im Heine-Haus sind hauptsächlich Akanthusranken zu sehen und Figurenmedaillons. Die Personen in den Medaillons könnten auf eine Darstellung von Tugenden oder Elementen hinweisen, belegt ist diese Vermutung aber nicht.

Heinrich Heine – Kurzbiographie

Christian Johann Heinrich Heine war einer der berühmtesten Dichter seiner Zeit. Er wurde am 13. Dezember 1797 als der älteste Sohn des jüdischen Tuchkaufmanns Samson Heine und seiner Frau Betty in Düsseldorf geboren. Heinrich war das älteste von vier Kindern. Nach ihm folgten seine Schwester Charlotte und die Brüder Gustav und Maximilian. Seine Kindheit war geprägt von den großen Veränderungen der Zeit, allen voran die Französische Revolution, mit der er sich stark identifizieren konnte. Ein weiterer großer Einfluss auf Heinrich war sein Onkel Salomon Heine aus Hamburg. Als Bankier hatte er es zu großem Ruhm und Reichtum gebracht von dem auch sein Neffe Heinrich profitierte: Salomon griff Heinrich bei der Finanzierung seines Studiums unter die Arme. Dennoch brachte sein Onkel wenig Verständnis für Heinrichs Leidenschaft zur Literatur mit. Dies zeigte sich auch in dem Wunsch der Familie, dass ihr Erstgeborener das Geschäft übernehmen sollte. Im Hinblick auf dieses Vorhaben ging Heinrich nach Frankfurt und Hamburg zur kaufmännischen Lehre. Währenddessen erkrankte sein Vater an Epilepsie, einer Geisteskrankheit, die ihn 1819 bis zur Entmündigung brachte.

  • Heinrich Heine Porträt. Fotografie, © überlassen von Werner Preuß, Leuphana Universität Lüneburg.
    Heinrich Heine Porträt. Fotografie, © überlassen von Werner Preuß, Leuphana Universität Lüneburg.

Für Heinrich war das eine Möglichkeit dem Leben als Kaufmann den Rücken zu kehren und sich dem Studium zu widmen. Er absolvierte zwei Semester an der Juristischen Fakultät in Bonn, um ab Winter 1820 an die Georg August Universität Göttingen zu wechseln. Durch einen Verweis und dem Ausschluss aus der Burschenschaft der Universität musste Heinrich Göttingen verlassen und studierte fortan in Berlin unter Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Dieser Wechsel war ausschlaggebend für die Karriere und den Erfolg Heinrichs: Er lernte viele verschiedene Berufsgruppen, die der Autorschaft zugehörig waren, kennen, und unterhielt Beziehungen zu einflussreichen Kreisen und Verlegern. 1822 kam es zu der ersten Veröffentlichung seiner Gedichte und drei Jahre danach zur Promotion der Rechte in Göttingen, wo er sein Studium nach einer kurzen Auszeit wieder aufnahm. Im Juni des gleichen Jahres ließ Heinrich sich auch taufen und kehrte dem Judentum damit den Rücken zu. Es war hinlänglich bekannt, dass Protestantismus den Eintritt in die Europäische Kultur erleichterte und er die Taufurkunde ebenfalls benötigte, um in den Staatsdienst einzusteigen. Trotz seines Universitätsabschlusses war Heinrich Berufsschriftsteller, sein Hobby und die Leidenschaft setzten sich durch.

Heinrich Heines Reisen, die ihn unter anderem nach Norderney, Berlin, England und Italien führten, prägten ihn und sein Schaffen und verhalfen ihm über die Zeit der Rat- und Rastlosigkeit hinweg. Der Tod seines Vaters im Dezember 1828 führte zum Umzug seiner Mutter von Lüneburg nach Hamburg. Hamburg wurde nun zu seinem neuen Bezugspunkt, in dem er auch einige Zeit verbrachte. Für Hamburg sprach seine Größe. Im Gegensatz zum Lüneburger Provinzdenken fühlte Heinrich sich mit seiner Hingebung zur Großstadt hier wohl. Erst mit der Juli-Revolution 1828 fand Heinrich seinen Willen und Glauben an sich selbst wieder. Geboren zu der Zeit der Französischen Revolution, empfand er großes Verständnis für das Vorgehen in Frankreich, sodass er sich kurze Zeit später in Paris wiederfand – hier bekam er Zustimmung zu seinen politischen Ansichten, fernab der Zensur, die ihn im deutschsprachigen Kulturraum einengte. Für ihn war Frankreich das neue Zuhause, eine Nation der Freiheit, die ihm Wohlbefinden ermöglichte. Bereits Anfang der dreißiger Jahre kennengelernt, heiratete Heinrich 1841 die Schuhverkäuferin Augustine Crescence Mirat.

Durch die persönliche Weiterentwicklung war es ihm möglich auch den beruflichen Erfolg auszubauen und Exempel zu statuieren. Heinrich stieg zu einem europäischen Schriftteller auf, arbeitete in deutschen und französischen Verlagen und war Mitarbeiter bei zahlreichen Zeitungen. Seine Werke behandelten das kulturelle und politische Leben Frankreichs sowie den Versuch, den deutschsprachigen Kulturraum auch in Frankreich populär und verständlich darzulegen. Einen wichtigen beruflichen Anstoß gab ihm auch eine Begegnung mit Karl Marx in Paris in den frühen vierziger Jahren, der beiden eine wechselseitige Anregung gab. Für Heinrich resultierte dies in der Veröffentlichung von ‚Deutschland. Ein Wintermärchen’. Heines Versepos bezieht sich aufgrund des Untertitels auf Shakespeare’s A Winter’s Tale, geht auf Goethes damalige Wirkung ein und greift auf die antike Mythologie zurück sowie die Bräuche des Juden- und Christentums. Das Werk ist damit Teil der weltliterarischen Tradition. Allgemein ist festzuhalten, dass sein Ton harscher und die Kritik an der einsetzenden Industriellen Revolution sichtbarer wurde.

Zeitgleich mit der Veränderung seines Stils, begann Heine gegen seinen Körper und die voranschreitende Lähmung zu kämpfen. Seit Ende der vierziger Jahre bewohnte er eine Heilanstalt, in dem ihm sein Alltag mit der fortschreitenden Lähmung vereinfacht wurde. Diese Jahre bis zu seinem Tod sind bekannt als die „Matratzengruft“, resultierend daraus, dass Heinrich bettlägerig wurde. Sein Gesundheitszustand änderte jedoch nichts an seinem Geist oder der Gesinnung, wodurch er auch noch bis zu seinem Tod am 17. Februar 1856 in Paris seiner Leidenschaft des Schreibens und Korrigierens nachging.

Die Heines in Lüneburg

Heines Eltern lebten von 1822 bis 1826 im zweiten Obergeschoss des Hauses am Ochsenmarkt in Lüneburg. Grund für den Umzug in die Provinz Lüneburg war der an Epilepsie erkrankte Vater Heinrichs – Samson Heine.Samsons Krankheit machte die Führung eines selbstständigen Unternehmens unmöglich, sodass seine Brüder, Salomon und Henry Heine, eine Entmündigung Ihres Bruders veranlassten und sein Geschäft für Ellen- und Modeware Düsseldorf aufgaben.

Das Unterfangen der Familie in Lüneburg Fuß zu fassen und als Bürger der Stadt eine Wohnung zu beziehen war ein langwieriger Prozess, bei dem vor allem der Onkel Heinrichs, Salomon Heine – ein erfolgreicher Bankier aus Hamburg – eine entscheidende Rolle einnahm. Er ersuchte im März 1822 bei der Königlichen Großbritannischen-Hannoverschen Provinzial-Regierung eine Aufenthaltserlaubnis für Samson und Betty, zu einer Zeit in der solche Gesuche als verdächtig erschienen. Die jüdische Gesinnung und Abstammung der Familie Heine erschwerte eine positive und zügige Abwicklung des Wunsches nach Bleiberecht, da der Rat fürchtete, dass neue Bürger sich der Stadtkasse aufdrängen könnten. Der Lüneburger Magistrat war insgesamt vier Mal mit den Anträgen der Familie beschäftigt, die durch den Onkel Heinrichs, Salomon, verwaltet wurden. Der Rat hatte strikte Vorgaben. Eine Zustimmung zum Aufenthalt erfolgte nur, wenn der neue jüdische Bürger sich in die Gesellschaft integrierte, allerdings nur, indem „man seine Existenz auf keine Weise spürte“. Es hieß ferner, dass der “auswärtige Bürger jüdischer Religion“ keinem „zur Last fallen noch konkurrierend in den Weg treten“ dürfe. Außerdem sei es diesem untersagt sich in Lüneburg „häuslich niederzulassen“.

Des Weiteren musste die Familie über ein ausreichendes Vermögen für eine Kaution verfügen, sofern sie selbst nicht mehr berufstätig war, oder einen Lüneburger Bürgen vorweisen. Im Falle der Heines war dies der Lüneburger Bankier Wolff Abraham Ahrons, der auch Eigentümer des besagten Hauses am Marktplatz war in dem Salomon 1822 für Samson und Betty und die zwei Kinder für „300 Reichsthaler“ eine Wohnung mietete. Ein Bürge wie Ahrons gab der Stadt die Sicherheit, dass der neue Bürger der Stadtkasse nicht lästig wurde. Die Verantwortung, dass Samson in Lüneburg keinen Handel trieb, verblieb bei Ahrons. Allerdings versicherte dies auch schon Salomon in den Schreiben, die er an die Königliche Provinzial-Regierung verfasste. Er versprach, dass sein Bruder kein Gewerbe betreiben wolle, und dass er selbst auch dazu bereit sei, eine Kaution zu stellen, um zu gewährleisten, dass Samson niemandem Unannehmlichkeiten verursache. Dabei stellte Salomon der Regierung die Höhe des Beitrages frei. Die folgenden Schreiben zwischen dem Bürgermeister Krukenberg und Salomon glichen einem Katz-und-Maus-Spiel: Der Bürgermeister veranlasste, dass Salomon nach Lüneburg kam, um vernommen zu werden. Vor Ort schilderte Salomon noch einmal sein Vorhaben für die Familie Heine, bestehend aus Vater Samson, Mutter Betty und den Kindern Maximilian und Charlotte, eine Wohnung anzumieten. Ferner versicherte er die Unterhaltszahlung an Samson in Höhe von 2000 Mark sowie die Übernahme für das Schulgeld von Maximilian. Zu eben diesem Verhör wurde auch der Bürge der Heines, Wolff Abraham Ahrons, hinzugezogen, der dem Bürgermeister sein Vertrauen gegenüber den Heines bestätigte.

„Unter den mittelst Berichts vom 30.- May d. J. einbezeugten Umständen finden Wir nichts dabey zu erinnern, daß dem Israeliten Samson Heine, der bisher zu Düsseldorf etablirt gewesen, der temporelle Aufenthalt für sich, seine Ehefrau und seine Kinder, in der Stadt Lüneburg unter der Bedingung gestattet werde, daß dessen Bruder, der Banquier Salomon Heine zu Hamburg, so wie der als Bürge gestellte dortige Schutzjude Wolf Abraham Ahrons den in solcher Hinsicht übernommenen Verbindlichkeiten jeder Zeit gehörig nachkommen werden; widrigen Falls der gedachte Samson Heine angehalten werden wird, die hiesigen Lande sofort wieder zu verlassen.“

Das Verfahren um die Aufenthaltsgenehmigung zog sich insgesamt über 4 Monate und endete mit der Gestattung des Aufenthalts für Samson Heines Familie am 2. Juli 1822.

Heinrich Heine in und über Lüneburg

In den Jahren von 1822 bis 1826, in denen Heinrichs Eltern in Lüneburg im Haus am Marktplatz lebten, besuchte er diese insgesamt fünf Mal. Auch darüber hinaus befand sich Heinrich noch drei weitere Male in Lüneburg. Sein erster Besuch führte ihn Ende Mai 1823  für zwei Wochen in die Provinz, der Tag, an dem auch noch heute in Lüneburg im Heinrich-Heine-Haus an seine Ankunft gedacht wird. Seine Familie war aufgrund ihrer Konfession größtenteils isoliert und fand nur in der jüdischen Gemeinde Anklang. Auch Heinrich erging es ähnlich bei seinen ersten Aufenthalten. Er fühlte sich einsam und ausgeschlossen. Dieses Gefühl veranlasste ihn zum Schreiben der Gedichte Mein Herz, mein Herz ist traurig und Ich weiß nicht was soll es bedeuten. Ersteres spiegelt das damalige Lüneburg wider. Strophe für Strophe handelt er verschiedene Blickwinkel von seinem Standort „an der Linde ab“. „Da drunten fließt der blaue / Stadtgraben in stiller Ruh; / Ein Knabe fährt im Kahne, /  und angelt und pfeift dazu.“Das Gedicht schließt ab mit dem Tod, eine Erlösung für Heinrich, die sich aber auch schon vorher angedeutet hat. Dieses Gedicht spiegelt die biedermeierliche Provinz Lüneburg in der Romantik wider. Die Metaphorik, dass alles Schöne ein Ende hat, deutet auf die voranschreitende Industrialisierung hin, an der Heinrich bereits in diesem Gedicht seine Kritik äußerte. Seinen anfänglichen Unmut über Lüneburg äußerte er auch in Briefen an seine Schwester. Er spricht dort von der „Residenz der Langeweile“ und der geistigen Beschränktheit der Bewohner. Lüneburg war eine kleine Provinz, wie sie damals typisch war, und konnte nicht mit den großen Städten wie Paris mithalten – auch nicht im kulturellen Bereich. Dennoch reflektierte Lüneburg für Heinrich auch das Heimatliche. In der Provinz Lüneburg fand er die Familie, die damit verbundene Religion und die Zeit für Dichtung. Obwohl er die große Stadt, wie Paris eine war, suchte, sind seine Wurzeln in der Provinz zu finden. Das Lüneburg des 19. Jahrhunderts ähnelte seinem Geburtsort im Rheinland sehr.

Die Annahme, dass Lüneburg für Heinrich mit Langeweile gleichzusetzen war, ist demnach falsch, denn auf das Gefühl der Einsamkeit folgte eine neue Bekanntschaft zu dem Lüneburger Juden Rudolf Christiani. Durch ihn, „Sohn des Superintendanten“, wurde es Heinrich ermöglicht in die Lüneburger Gesellschaft einzutauchen und teilzunehmen. Ab dann fühlte er sich wohler und anerkannt in Lüneburg. Christiani selbst wurde von ihm auch sehr geschätzt: Heinrich widmete ihm ein Gedicht, in dem man das gute Verhältnis beider zueinander spürt: „Diesen liebenswürdigen Jüngling / Kann man nicht genug verehren; / Oft traktiert er mich mit Austern, / Und mit Rheinwein und Likören.“ Dies ist die erste und einleitende Strophe des Gedichts und spiegelt Heinrichs Sympathie für Christiani wider. Es folgen weitere Komplimente an Christiani für seine Kleidung, seine Gesellschaft, seiner Unterstützung in der Verbreitung Heines Lyrik und wie sehr er ihn schätzt. Diese Freundschaft zu einem weiteren Juden in Lüneburg war nicht nur Balsam für Heinrichs isolierte Seele: Christiani, der in der Stadt gern gesehen war, verhalf ihm auch dazu, dass seine Werke ebenfalls in Lüneburg populärer wurden und Anklang in der Gesellschaft fanden.

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