Das Theater Lüneburg

Ein Beitrag von Rabea Aschern, Elisa Dettlof und Johanna Vinken

Theater für die Stadt

Dass sich unweit der Kulturmetropole Hamburg entfernt ein kleines Theater erfolgreich behauptet, würde nicht jede*r vermuten: Das Theater Lüneburg fasziniert seit über 70 Jahren Jung und Alt und ist überregional für seine Vielfalt bekannt. Von mitreißendem Ballett über romantische Komödien oder politische Thriller bis hin zu stimmungsvollem Operngesang − Im Theater Lüneburg kommt jede*r auf seine Kosten. Treten Sie ein, machen Sie es sich auf einem Sessel gemütlich und lassen Sie sich von den großartigen Künsten des Lüneburger Ensembles hinreißen.

Spielstätten

Das Theater Lüneburg hat drei Spielstätten: Das Große Haus bietet Platz für 542 Zuschauer*innen und ist barrierefrei zugänglich. Es gibt zwei Rollstuhlstellplätze auf der Höhe der dritten Reihe sowie barrierefreie Toilettenräume. Die Theatergastronomie Shakespeare versorgt die Gäste vor und nach den Vorstellungen im Großen Haus mit Snacks und Getränken.

Die Junge Bühne T.3 wurde 2009 eröffnet und bietet Kapazitäten für 140 Besucher*innen. Sie wird überwiegend für das Kinder- und Jugendtheater genutzt. Hier lohnt es sich, früh zu kommen, denn es gibt keine Sitzplatzreservierungen. Auch sind ein barrierefreier Zugang und  behindertengerechte Toiletten vorhanden. In der ersten Reihe gibt es Platz für Rollstühle. Speisen und Getränke gibt es im T.3 nur zu den Abendveranstaltungen. Der dritte Spielort im Theater ist die Studiobühne T.NT (Treffpunkt Neues Theater). Neben 99 Sitzplätzen gibt es einen Rollstuhlplatz, der sich seitlich auf der Empore befindet. Auch hier werden die Gäste gastronomisch versorgt: Es gibt eine Bar, an der vor und nach den Veranstaltungen Getränke verkauft werden. Einige Veranstaltungen, wie Kammer-, Familien- und Meisterkonzerte, finden in externen Spielstätten statt. Dazu zählen das Auditorium in dem architektonisch interessanten Libeskind-Gebäude der Leuphana Universität und die Musikschule, welche sich direkt neben dem Theatergebäude befindet.

Kulinarische Erlebnisse

Zu allen Nachmittagsveranstaltungen im Theater Lüneburg gibt es Kaffee und Kuchen, sowie abends Wein und herzhafte Snacks. Wer vor dem Theaterbesuch mit einer größeren Gruppe etwas speisen möchte, kann im Shakespeare einen Theaterteller (Variationen von Antipasti und Tapas) vorbestellen und einen Tisch reservieren. Für Gruppen ab 20 Personen werden auch Dinner oder Buffets angeboten.

Ein Blick hinter die Kulissen

Wer gerne einen Blick hinter die Kulissen werfen möchte, kann eine Theaterführung buchen. Sie werden unter anderem Einblick in die Schneiderei, die Maske und den Ballettsaal erhalten. Die Führung dauert 60 Minuten und kostet pro Person 4 Euro. Es sollten mindestens 10 Personen teilnehmen.

Das Theater Lüneburg heute

Das Konzept – Theater für die Stadt

Zentrales Anliegen der Künstlerischen Leitung ist es, vielfältiges Theater vor allem für die Bürger*innen der Stadt und der umliegenden Region zu machen.[2] Dadurch, dass sich das Theater nicht auf einzelne Sparten beschränkt, besteht ein sehr breit aufgestelltes Programm. Der Blick in den Spielplan lohnt sich auch für all diejenigen, die für das klassische Theater wenig Begeisterung aufbringen können: Auch Musicals, Lesungen und Musiktheater werden geboten. Außerdem ist es dem Theater ein Anliegen, sein Image zu verbessern und Barrieren abzubauen: „Man muss sich nicht immer schick anziehen“, um das Theater zu besuchen, sagt Marketingchefin Violaine Kozycki. Dieser Ansatz wird durch das theaterpädagogische Angebot noch verstärkt. Es gibt viele niedrigschwellige Angebote, um Jung wie Alt in die spannende Welt des Theaters einzuführen und dafür zu begeistern. Dieses ist eine Möglichkeit, die Identifikation der Menschen in Lüneburg mit ‘ihrem Theater’ und die Unterstützung der Arbeit des Theaters aus der Bürgerschaft heraus, zu stärken. „Gehobenes Regietheater kann das Thalia oder Schauspielhaus sicher besser, aber was das Lüneburger Theater auszeichnet, ist es, neue Wege zu gehen, innovativ und spannend zu bleiben und mit dem Publikum zusammen die ‘Türen aufstoßen’ – Diese Publikumsnähe streben sicherlich viele Theater an, dem Lüneburger Theater gelingt dies aber außergewöhnlich gut“, so Kozycki.

Das Publikum – Bunte Mischung

Einer der wichtigsten Faktoren jeden Theaters ist das Publikum. Die Mitarbeitenden des Theaters wünschen sich als Gäste Menschen, “die Lust auf spannende, unterhaltsame Abende haben und sich auf etwas einlassen möchten.” Das Theater Lüneburg hat das Ziel, mit seinem Programm alle Bevölkerungsschichten anzusprechen. Inwiefern dieses Vorhaben erreicht wird, kann empirisch zwar nicht belegt werden, fest steht jedoch, dass es in den letzten acht Jahren einen Publikumszuwachs von über 20 % gab. In der Spielzeit 2016/17 besuchten 110.601 Zuschauer*innen das Theater. Seit der Gründung des T.3 gibt es immer mehr jüngere Gäste. Dies ist ein Anfang, das Durchschnittsalter der Besucher*innen liegt jedoch noch immer bei 60 Jahren. Darüber hinaus ist bekannt, dass generell mehr Frauen als Männer das Theater Lüneburg besuchen.

Dreispartentheater – Die volle Bandbreite

Die Geschichte von Blanche und Marie © Andreas Tamme

Im Theater Lüneburg wird Kunst gespielt, getanzt und gesungen – in seiner Vielfalt einschränken möchte sich das Haus dabei auf keinen Fall: Im Theater und in der Stadt ist man stolz auf das breite Spektrum. In Hinblick auf Mitarbeiter*innen und Etat zählt das Theater Lüneburg zu den kleinsten Dreispartenhäusern Deutschlands. Das heißt, dass es, im Gegensatz zu den meisten anderen Theatern dieser Größe, Inszenierungen aus Schauspiel, Musiktheater und Ballett zeigt, und das mit jeweils festem Ensemble. Das Schauspielensemble besteht aus fünfzehn Schauspieler*innen, ebenso das Musiktheaterensemble. Das Ballettensemble besteht aus elf Tänzer*innen, die in Ballett -und Musicalproduktionen auftreten. Damit nicht genug: Am Theater fest engagiert sind außerdem ein Opernchor und die Lüneburger Symphoniker*innen. Einen Extrachor und Orchestermusiker*innen verstärken regelmäßig das Ensemble. So kommt es vor, dass bei einer der beliebten Musicalproduktionen bis zu 70 Leute auf der Bühne stehen. Oft kommen zu den Musicals auch Gäste aus Hamburg, die sich die teuren Stage Musical-Produktionen nicht regelmäßig leisten möchten, aber auf das Erlebnis Musical nicht verzichten wollen: „In Hamburg wird man als Familie schnell 200, 300 Euro los und da hat man noch keine Cola getrunken“, gibt Marketingchefin Kozicky zu Bedenken. Da ist Lüneburg eine willkommene Alternative. Doch auch das Ballett und die Oper werden in Lüneburg sehr gut angenommen. Das liegt laut Tänzer Wout Geers wohl auch an der Nähe zur Großstadt und der damit einhergehenden bunten Zusammensetzung der Bürger*innen.

Nicht nur die Besucher*innen loben die Vielfalt des Theaters, auch die Künstler*innen profitieren davon: Intendant Fouquet findet, dass sich die verschiedenen Sparten gegenseitig beflügeln[4] und auch Tänzer Wout Geers stimmt dem zu:

„Ich finde es interessant zu sehen, was die Anderen in ihren Sparten machen, es ist inspirierend und hilft dabei, als Künstler weiterzukommen.Tanztheater läuft viel über Bilder und Eindrücke. Es ist sehr intuitiv. Bei Tanz geht es also mehr um das Gefühl, als darum alles zu verstehen.“

-Tänzer Wout Geers

 Junges Theater? Nicht nur für Kinder!

Theaterpädagogik – da denken die meisten an Theatergruppen für Kinder und Jugendliche. Doch auch hier will sich das Theater Lüneburg nicht einschränken und hält ein vielseitiges Angebot für Lehrer*innen, Schüler*innen, Studierende und Erwachsene bereit.

Für Lehrer*innen werden Workshops und Beratungen angeboten, die sich vor allem an Leitungen von Theater-AGs und Darstellendem Spiel richten. Für Lehrer*innen, die  mit ihren Klassen das Theater besuchen wollen und nach passenden Stücken und Materialien suchen, ist die Broschüre Theater und Schule zu empfehlen, die eine Auflistung aller Stücke mit Infos und Altersempfehlungen bietet. Diese kann auf der Homepage des Theaters eingesehen werden. Bei der Buchung von Theaterkarten für Schulklassen gibt es außerdem kostenlos ein theaterpädagogisches Angebot dazu: Einführungsveranstaltungen und Nachgespräche mit Schauspieler*innen bieten die Möglichkeit, den Künstler*innen näher zu kommen und mehr über Inhalte und Inszenierungen zu erfahren.

Für Schüler*innen gibt es den TheaterJugendClub, für Kinder und Jugendliche im Alter von 14-18 Jahren. Doch auch die Angebote der „Jungen Bühne T3“ richten sich an alle Altersstufen: Es gibt Puppentheater für die ganz Kleinen, Familienballett und Jugendstücke zu sehen. Neben den Angeboten im Theaterbereich, gibt es auch in der Musik Möglichkeiten für Jugendliche, sich auszuprobieren und auszuleben. In enger Zusammenarbeit mit der Musikschule können Kinder im Rahmen des Projektes Pult an Pult gemeinsam mit den Musiker*innen proben und ein Konzert spielen. Darüber hinaus gibt es für junge Singbegeisterte einen Kinder- und Jugendchor. Außerdem bringt das Theater sein Angebot in die Stadt: So fahren Künstler*innen regelmäßig mit einem Spielmobil voller Spielsachen und Requisiten zu verschiedenen Institutionen, wie zum Beispiel Flüchtlingsunterkünften, um dort spielerisch an das Theater heranzuführen.

Das StudiMusical in Zusammenarbeit mit der Leuphana Universität erfreut sich bei Teilnehmer*innen und Besucher*innen großer Beliebtheit. Marketingchefin Kozycki bezeichnet es sogar als „Hitgaranten“. Deshalb bietet nun auch die Schauspielsparte des Theaters eine Produktion für Studierende an: das StudiSchauspiel.

Last but not least werden auch die erwachsenen Lüneburger nicht außer Acht gelassen. Der Extra-Chor unterstützt den Hauschor des Theaters in vielen Musiktheater-Produktionen und für Schauspielbegeisterte fortgeschrittenen Alters gibt es den SeniorenTheaterClub, Die Mimetten.

Neuer Intendant und besondere Mitarbeiter – Prägende Akteure

Neben Intendant Hajo Fouquet, der auch im Musiktheater inszeniert, prägen besonders Musikdirektor Thomas Dorsch (seit 2013) und  Ballettdirektor Olaf Schmidt (seit 2013) das künstlerische Erscheinungsbild des Theaters.

Schlafes Bruder © Andreas Tamme

Intendant Hajo Fouquet kam 2010 nach Lüneburg mit dem Ziel das Theater zur Stadt hin zu öffnen und das so begehrte „Publikum unter 60“ für die Lüneburger Theaterlandschaft zu begeistern. Dabei sieht er die mit der Führung des kleinsten Dreispartenhauses  Deutschlands einhergehenden Probleme (zum Beispiel das knappe Budget) als eine willkommene Herausforderung. Sein Plan, ein „Theater für die Stadt“ zu kreieren, in dem jede*r willkommen ist und neben eigenen Theaterproduktionen  auch Gastspiele, Lesungen oder Workshops stattfinden, ist aufgegangen. Wohl auch, weil Fouquet das Theater nie in falsche Konkurrenz zu nahegelegenen Großstädten zwingt, sondern auf liebevoll inszenierte Projekte setzt. Seit Fouquet am Hause ist, zählt die Kasse erstmals seit den Anfangsjahren wieder mehr als 100.000 Besucher*innen in einer Spielzeit, 15.000 davon Kinder und Jugendliche. Die Auslastung des gesamten Theaterangebots liegt bei 80 %  – Zeitungen wie die taz, die Welt und das Hamburger Abendblatt sprechen von einer „Erfolgsgeschichte“ Gutes Theater mit wenig Geld? Ja, das funktioniert.

„Etwas frei erfinden zu dürfen, ohne Einschränkung kreativ sein zu können, bedeutet für mich, mir meine eigenen Regeln und Gesetze erschaffen zu müssen und diese bei der Umsetzung einer Inszenierung auch einzuhalten.“ – Ballettdirektor Olaf Schmidt

Auch Ballettdirektor Olaf Schmidt, den Fouquet 2013 aus Regensburg an das Lüneburger Theater holte, zieht mit seiner Arbeit die Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen und diverser Fachmagazine auf sich. In keiner Sparte verzeichnet das Theater seitdem so große Publikumszuwächse wie im Tanz. Generalmusikdirektor Thomas Dorsch kam 2013 zusammen mit Schmidt an das  Theater und brachte eine weitere wertvolle Besonderheit mit: Der Musikdirektor komponiert für ausgewählte Produktionen eigene Musik.

Die Finanzierung – Gutes Theater mit wenig Mitteln

Am Thema „Finanzierung“ kommt man in den kommunalen Theatern kaum vorbei. So steht auch das Theater Lüneburg permanent vor großen finanziellen Herausforderungen, obwohl Lüneburg im Vergleich zu den meisten deutschen Bühnen bei Kennzahlen wie dem Zuschuss pro Besucher*in Topwerte erzielt. Und auch sonst gibt es viel Positives zu berichten: Der Anteil der Einspieleinnahmen am Budget liegt bei bemerkenswerten 25 % und damit über dem Bundesdurchschnitt. Das Hamburger Thalia Theater gilt mit 27 % als deutschlandweite Spitze. In der letzten Spielzeit kamen über 110.000 Zuschauer*innen. Das ist seit langem die höchste Anzahl und erscheint bei einer Stadt wie Lüneburg mit gut 70.000 Einwohner*innen geradezu gigantisch. Hajo Fouquets Vorgehen, Projekte zu machen, die in ihrer Größe zum Budget passen, scheint zu funktionieren: Bodenständigkeit fruchtet als Erfolgsrezept. Der Ursprung des Problems liegt woanders und ist alt. Er stammt aus einer Zeit, als das Land seinen Zuschuss einfror und Tarifsteigerungen den Sockel der Finanzierung unterhöhlten. Trotz stabiler oder leicht steigender Einnahmen durch höhere Publikumszahlen stand nicht mehr Geld zur Verfügung, denn mit den Zuwächsen musste vorrangig die tarifgerechte Bezahlung der Mitarbeiter gesichert werden. Eine Erhöhung der öffentlichen Mittel, um die Tarifsteigerungen aufzufangen, ist also unerlässlich.

Bezuschusst wird das Theater hälftig durch Gelder vom Land Niedersachsen, zu je einem Viertel von der Stadt und vom Landkreis sowie durch Mittel der Sparkassenstiftung (10.000 Euro pro Spielzeit, ca. 0,14 % der Bezuschussung). Der Gesamtetat beträgt seit 2017 rund 9,5 Millionen Euro. Zusätzlich gibt es noch den Freundeskreis Theater Lüneburg, der ideell, aber auch finanziell unterstützt. Die Ausgabenseite ist dauerhaft höher, obwohl das Theater auch alternative Finanzierungsmodelle wie „Sesselpatenschaften“ initiiert und private Unterstützer*innen anzieht. Fouquet und Verwaltungsdirektor Degen-Feldmann sowie Vertreter*innen anderer kommunaler Theater in Niedersachsen führen seit langem regelmäßig Gespräche mit Landespolitiker*innen und dem Ministerium. Hier lassen sich Teilerfolge verzeichnen, so ist im neuen Koalitionsvertrag erstmals die Stärkung der kommunalen Theater festgehalten.

Kooperationen – Theater mit der Stadt

Das Theater bietet nicht nur ein vielseitiges Schauspiel-, Tanz- und Opern-Programm, sondern kooperiert auch mit zahlreichen Lüneburger Institutionen. Aus diesen Kooperationen gehen abwechslungsreiche Veranstaltungsreihen hervor. Dazu zählt Theater trifft Museum, die zusammen mit dem Museum Lüneburg zu der Spielzeit 2013/14 initiiert wurde. Thematisch begleitend zu aktuellen Produktionen werden im Museum szenische Lesungen von Schauspieler*innen des Theaters präsentiert. Durch diese Lesereihe bekommen Interessierte einen anderen, alternativen Blick auf die im Theater verhandelten Stoffe.

Bei den Kooperationsveranstaltungen mit dem SCALA Programmkino unter dem Schlagwort Theater trifft Kino, werden Filme gezeigt, die aktuell auch als Produktionen im Theater zu sehen sind. Im Anschluss gibt es Diskussionen mit Dramaturg*innen oder Schauspieler*innen des Theaters und Mitarbeiter*innen des Scala, in denen sich über Erzählweisen in Film und Theater ausgetauscht wird.

Sehr beliebt sind auch die gemeinsamen Veranstaltungen des Theaters und der Buchhandlung Lünebuch. Hierbei handelt es sich um einmalige Lesungen, bei denen häufig bekannte Persönlichkeiten, so zum Beispiel Jonathan und Rufus Beck nach Lüneburg kommen.Darüber hinaus ist die Musikschule Lüneburg ein wichtiger Kooperationspartner. Das vielfältige Konzertangebot beider Häuser ist eng verzahnt und auch im Bereich Musiktheater wird zusammengearbeitet. Die Musikschule und das Theater eint das Ziel kultureller Bildung junger Menschen in und um Lüneburg. Weiterführend ist die Kooperation mit der Leuphana Universität relevant.

Besondere Events und Gastspiele – Theater und viel weiter

Das Theater selbst lädt ebenso zu besonderen Veranstaltungen. Im Rahmen der Reihe Wir lesen in unserem Haus lesen Schauspieler*innen des Ensembles an verschiedensten Orten innerhalb des Theaters: Im Foyer, im Fundus, hinter der Bühne oder im Zuschauerraum. Diese Veranstaltung gibt neue Einblicke in die Räumlichkeiten des Theaters und bietet die Möglichkeit, die Schauspieler*innen aus nächster Nähe zu erleben. Die Serie ist ein Pendant zu Wir lesen in Ihren Häusern, bei der Schauspieler*innen in den Häusern von Interessierten lasen. Auch hier wird die Nähe, die das Theater zu seinem Publikum sucht, deutlich. Es bietet Einblicke in die Welt des Theaters auch abseits der Bühnenshows. Das Publikum soll nah dran sein, die Schauspieler*innen erleben und die Orte hinter den Kulissen des Theaters kennenlernen.

Auch das sommerliche Theaterfest, welches jährlich im August zum Auftakt der neuen Spielzeit gefeiert wird, ist ein fester Bestandteil für Theater-Lüneburg-Liebhaber*innen, aber auch für die, die es noch werden wollen. Der Eintritt ist frei. Neben einer Vorstellung der neuen Stücke gibt es ein buntes Programm für Jung und Alt. Besonders spannend ist die Möglichkeit in die Theaterarbeit hineinzuschnuppern, zum Beispiel in das Ballett-Training. Viele Lüneburger Institutionen bringen sich ebenfalls mit interessanten Ständen und kreativen Aktivitäten ein. Für das leibliche Wohl ist gesorgt. Eine tolle Möglichkeit, die neue Spielzeit in entspannter Atmosphäre zu begrüßen.

Das Theater lädt außerdem verschiedene, ausgewählte Veranstalter*innen und Theaterschaffende mit ihren Produktionen in das Haus ein: Im Großen Haus finden in der Regel einmalige Veranstaltungen, wie Lesungen mit Schauspieler*innen Sky du Mont oder Ildiko von Kürthy statt. Auch das Ohnsorg Theater aus Hamburg tritt in unregelmäßigen Abständen auf. Im T.NT gibt es hingegen viele Gastspiele, die wie normale Produktionen im Spielplan laufen. Lokalberühmtheit Burckhardt Schmeer beispielsweise ist seit sieben Jahren annuell mit seinem Kleinen Weihnachtsspektakel fester Bestandteil. Auch die Sülfmeister, eine Nedderdütschen Laientruppe, stehen mit ihren plattdeutschen Stücken auf dem Spielplan.

Das Theater im Wandel der Zeit

Das Stadttheater Lüneburg  wurde 1946 unter dem Intendanten Rolf Hübner gegründet. Die Geschichte des Theaters in Lüneburg aber reicht weiter zurück: „Theatervergnügen gibt es in der alten Hansestadt Lüneburg seit rund 500 Jahren. Lüneburg gehört damit zu den ältesten Theater-Städten im deutschsprachigen Europa.”

Das heutige Theater war zunächst eine private Institution, welche nicht von der Stadt getragen wurde.Nach dem 2. Weltkrieg ließ sich Hans Walter Adebahr, ein Truppenbetreuer der früheren Wehrmacht von der Militärregierung eine neue, künstlerische Unterhaltungsstätte genehmigen: Das Metropol-Theater. Es wurde am 1. August 1945 eröffnet. 1946 verfügte die englische Militäradministration, dass das Metropol-Theater in die städtische Verwaltung übergeht. Nachdem dies geschah, wurde das neue städtische Theater (damals Lüneburger Bühne) im September 1946 mit dem Stück “Der verwandelte Komödiant” eingeweiht und befand sich seitdem in wechselnden Spielstätten, zuletzt  in der Treubund-Halle, eine ehemalige Turnhalle. Zu dieser Zeit fehlte es an Geldern, dennoch setzten sich verschiedene Inszenierungen durch und wurden in der Turnhalle mit  525 Plätzen erfolgreich aufgeführt. „[ ]Die Menschen kamen in großer Zahl, weil sie – endlich von dem schrecklichen Krieg befreit – nach dem unsagbaren Elend, das viele getroffen hatte, hier in der „Lüneburger Bühne“ Ablenkung, Trost Erbauung, aber auch wieder Unterhaltung und Vergnügen fanden.” Für viele Lüneburger Bürger*innen war die Tatsache, dass es in der Nachkriegszeit ein Theater gab, erstaunlich und erfreulich zugleich: “Dass es im kleinen, armen, aber immerhin nicht zerstörten Lüneburg nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt wieder Theater gab, grenzt ans Wunderbare.” Im Winter 1946 musste das Theater für drei Monate schließen, da es sehr kalt war und die Heizkosten zu teuer gewesen wären. Teilweise zahlten die Besucher*innen sogar mit Briketts. Wenig später waren die finanziellen Mittel so knapp, dass 1949 sogar überlegt wurde, das Theater zu schließen. Jedoch waren die Besucher*innen zuverlässig: “Krisen gehören in dieser Erfolgsgeschichte dazu, das tat der Beliebtheit des Theaters bei seinem Publikum keinen Abbruch: gute Besucherzahlen waren stets das treffendste Argument, wenn es um den Erhalt des Theaters ging.” In den 50er Jahren zog das Theater von der Treubund-Turnhalle  an seinen heutigen Standort, den Theaterbau an der Lindenstraße. Zuvor befand sich dort das englische Kino „Globe“. Das Gebäude wurde aufwändig als Theater umgebaut, aber noch heute sind im Großen Saal die Strukturen des alten Kinos zu erkennen. Im Laufe der Jahre wurde das Theater noch einige Male erweitert und renoviert sowie größer: 1979 kam, zunächst im Obergeschoss an der Ritterstraße, als Studiobühne das T.NT hinzu, eingerichtet vom Intendanten Alexander dé Montleart (1979-1985). Unter Jan Aust, der ab 1991 fast 20 Jahre lang das Theater leitete, wurde als Spielstätte für junges Publikum das T.3 gebaut.” Und auch heute steht die Zukunftsplanung für das Theater Lüneburg nicht still: So stehen immer wieder neue, kleine Umbau- und Optimierungsaktionen an.

Noch mehr Theater!

Auch wenn das Theater Lüneburg einen besonderen Platz im Herzen der Lüneburger*innen einnimmt, gibt es für Theaterliebhaber*innen auch in der freien Szene eine Menge zu entdecken. Das Theater e.novum zum Beispiel, das hauptsächlich theaterpädagogisch arbeitet und mit 130 Ensemblemitgliedern jährlich sechs bis sieben Eigenproduktionen erarbeitet. Dazu kommt ein vielseitiges Gastspielprogramm, das von professionellem Kindertheater, Kleinkunst, Comedy, Schauspiel, Improvisationstheater bis hin zu Kabarett und Musikabenden alles bietet, was das Herz begehrt. Das Theater wurde 2000 von Margit Weihe gegründet, inzwischen beschäftigt es sieben Theaterpädagog*innen in acht Schauspielgruppen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Ziel der Theaterpädagog*innen ist es, neben qualifiziertem Schauspielunterricht, der Lust und Freude am Spiel(en) sowie dem Entdecken der eigenen schöpferischen Kräfte, Raum für Begegnungen, Erlebnisse und lebendige Kommunikation zu schaffen. Dabei ist es dem Theater wichtig, neben leichten und lustigen, auch kritische und unbequeme Themen zu verhandeln. Theaterleiterin Weihe sagt: „Das Sperrige läuft nie so gut, was nicht Mainstream ist, hat es schwer. Aber ich will nicht jammern.“ Es gibt auch keinen Grund dazu, denn das ablaufende Jahr ist wieder sehr gut gelaufen im e.novum.

Eine wichtige Bühne, auch für professionelle freie Theater bietet seit 2014 die Kulturbäckerei Lüneburg. (Verlinkung zu dem Lüneplaner Kulturbäckerei-Artikel) Das Kulturzentrum bietet einen professionell ausgestatteten Theatersaal, der von Theaterschaffenden aller Sparten genutzt werden kann. Zum regelmäßigen professionellen Ensemble gehören das “Theater zur weiten Welt“, das „Schauspielkollektiv“, das „Thomas Ney Theater“ sowie die Figurentheater „Marmelock“ und „Tandera“.

Thomas Ney.Theater

Das Thomas Ney.Theater firmiert unter dem Motto „Gute Unterhaltung!“. Ziel ist es, wichtige, aktuelle politische Themen in einer unterhaltsamen Form darzubieten. Die Stückauswahl ist breit gefächert: Bekannte Bestseller (Loriot, Ekel Alfred) stehen gleichberechtigt neben modernen Klassikern („Kunst“, „Kaspar Häuser Meer“). Das Konzept ist volksnah, frei nach Goethe wird versucht “jedem etwas zu bieten”, niemand soll Berührungsängste haben. Das Theater soll finanzierbar bleiben, ohne dass das Erlebnis für das Publikum darunter leidet. “Wir wollen die Leute mit einem guten Gefühl nach Hause schicken”, so Leiter Thomas Ney. Das scheint zu gelingen. Die Stücke werden sehr gut angenommen: Seit der Gründung mit der Eröffnung der KulturBäckerei im Oktober 2014 wurden über 5000 Karten verkauft.

Figurentheater Tandera

Das Figurentheater Tandera hat zwar Inszenierungen für Erwachsene im Repertoire, aber besonders am Herzen liegt ihnen das Theater für Kinder ab vier Jahren und ihren Familien. So war es auch die Initiative der Figurenbildnerin Gabriele Parnow-Kloth, Theater für Kinder in Lüneburg überhaupt anzubieten – jetzt, nach gut 20 Jahren ist es selbstverständlich: „Figurentheater, mit seiner Bilder- und Symbolsprache ist ein wunderbares Medium für Kinder, alle Sinne erhalten überraschende und besondere Impulse“, so Parnow-Kloth.

Seit 2009 leitet sie die Sparte Puppenspiel im Stadttheater Lüneburg. Dort bietet sie  zweimal im Jahr für Erwachsene und 25 Mal im Jahr Figurentheater für Kinder und ihre Familien an. Das Angebot im Theater Lüneburg wird überwiegend von unterschiedlichen Gastbühnen aus ganz Deutschland abgedeckt, die sie auswählt und einlädt. So lernt das Lüneburger Publikum, welche faszinierende Vielfalt es in dieser Sparte gibt. Auch dieses Angebot wird von den Lüneburger*innen gerne angenommen. Die Vorstellungen, die immer am 1. Sonntag im Monat stattfinden, sind zu über 80 % ausgelastet. Die Puppentheater-Aufführungen für Erwachsene sind immer ausverkauft. Zusätzlich spielt das Tandera-Theater aber auch vor Ort für geschlossene Gesellschaften: In Büchereien, Schulen, Kindergärten oder Stadtteilzentren. Auch hier ist die Nachfrage groß.

„Wir machen Figurentheater für Kinder, weil es ein glückvoller Weg ist, sich über die Komplexität der Dinge verständigen zu lernen.”

Trotzdem ist auch in der freien Szene die Finanzierung ein allgegenwärtiges Thema. Im Gegensatz zum Theater Lüneburg erhalten sie nicht automatisch einen Etat für Neuproduktionen, sondern sind auf Projektförderungen angewiesen. Diese können sie bei unterschiedlichen Stiftungen oder Institutionen beantragen und mit Glück werden die Anträge bewilligt. Bei Nichtbewilligung müssen die entsprechenden Summen zusätzlich mit den Spielgagen bestritten werden, was in Lüneburg schwierig ist.

Es bleibt zu bemerken, dass das Theater Lüneburg nicht der einzige „Leuchtturm der Kultur“ in der Stadt ist. Im Vergleich zu staatlich geförderten Theatern haben es freie Theater wesentlich schwerer, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, trotz ihrer hochengagierten Arbeit – Hier gibt es Handlungsbedarf. Gabriele Parnow-Kloth vom Tandera Theater findet, beide Theaterformen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es geht um ein sinnvolles, die Stadt bereicherndes, vielfältiges und herausforderndes Theaterangebot, das allen Bevölkerungsgruppen zugänglich gemacht wird.

Ein Blick in die Zukunft

Das Theater Lüneburg ist in der Stadt sehr beliebt und behauptet sich erfolgreich. Trotzdem gibt es Herausforderungen, denen es sich in der Zukunft stellen muss. Dazu zählen zum Beispiel die vertiefende Vernetzung und der Austausch mit anderen öffentlichen und freien Theatern in Niedersachsen und in Lüneburg. Einen Kulturentwicklungsplan gibt es in Lüneburg nicht, die Stadt aber wächst ständig weiter und somit auch das Angebot im Theaterbereich. Parnow-Kloth vom Tandera-Theater ist der Meinung, dass in der Lüneburger Theaterlandschaft “ein großer runder Tisch mit allen Theatern und Beteiligten” fehlt, um ein “Quo-Vadis” der Lüneburger Theaterlandschaft besprechen und entwickeln zu können.” Ebenso muss die Zusammenarbeit mit bestehenden Kooperationspartner*innen intensiviert werden, um die kulturelle Vielfalt der Stadt Lüneburg weiter zu stärken und die Möglichkeit neuer Kooperationen immer offen gehalten werden. Der Publikumsbezug, zum Beispiel durch empirische Forschungen, sollte weiter ausgebaut werden. Es ist ein Anliegen des Theater Lüneburg, Zuschauer*innen auch in Zukunft mitzuziehen und mit einzubeziehen. Der unmittelbare Bezug zum Publikum macht laut Kozycki das Besondere am Theater aus: “Es ist live, es kann immer wieder etwas passieren und die Zusammensetzung der Energien findet sich jeden Abend neu zusammen.“ Wout Geers und Violaine Kozycki empfehlen einen Theaterbesuch “Allen, die Lust auf spannende, unterhaltsame Abende haben und Lust, sich auf etwas einzulassen. Auch darauf, durch Theater noch einmal mehr berührt zu werden, als es im Kino möglich ist”. Außerdem “wird bewiesen, dass es in Lüneburg ‘mehr’ gibt”, nämlich “nicht nur eine schöne Altstadt, sondern auch spannende, moderne Kultur und ein anspruchsvolles Theater”. Also: Lassen Sie sich überraschen. Es lohnt sich!

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