Die Kulturelle Landpartie

Ein Beitrag von Theo Haustein und Sophie Grantz

Ein buntes Kulturfestival zwischen Idealismus und Wachstum.

Keine Lust mehr auf das hektische Großstadtleben? Besuchen Sie Norddeutschlands größtes Open-Air Kulturfestival, die Kulturelle Landpartie, von Himmelfahrt bis Pfingsten, und erkunden Sie per Fahrrad das Wendland. Zu dieser Zeit verzaubern über 800 Künstler- und Kulturschaffende die Region. Die Kulturelle Landpartie läd Sie ein, Land und Leute kennen zu lernen. Das kleine Abenteuer führt Sie durch Wiesen und Felder, von alten Fachwerkhöfen und Scheunen, über Rundlingsdörfer an einen Ort, wo die Welt scheinbar noch in Ordnung ist. Die Uhren ticken hier anders – wagen Sie den Perspektivenwechsel und entdecken Sie eine  Geschichte, welche die Menschen hier bewegt.

Buntes Kulturfestival mit ernstem Hintergrund

Festivals, Konzerte sowie Kunst- und Kulturausstellungen unter freiem Himmel haben in den letzten Jahren bei allen Altersklassen bedeutend an Zuspruch gewonnen. Ein buntes Kulturfestival, die Kulturelle Landpartie, existierte bereits lange vor diesem Trend und überzeugt jährlich immer mehr Menschen mit seinem vielfältigen Angebot.

  • Kunsthandwerk, Schauspiel und ein individuelles gastronomisches Angebot erwartet die Besucher an den Wunde.r.punkten 1 © Urban Explorer Hamburg
    Kunsthandwerk, Schauspiel und ein individuelles gastronomisches Angebot erwartet die Besucher an den Wunde.r.punkten 1 © Urban Explorer Hamburg

Seit 1989 findet die Kulturelle Landpartie zwischen Himmelfahrt und Pfingsten in der Region Lüchow-Dannenberg, welche auch als Wendland bezeichnet wird, statt. An 122 Orten öffnen Künstler- und Kulturschaffende ihre Ateliers und Scheunen für die Besucher. Die 546 Ausstellungen reichen von professionellem Kunsthandwerk über Fotografie und Malerei bis hin zu zeitgenössischer Kunst. Das Programm wird von 681 Veranstaltungen begleitet. Unter den vielfältigen Formaten befinden sich unter anderem auch Konzerte, Lesungen und Handwerkskurse. Besonderes Augenmerk liegt dabei auch auf Informationsveranstaltungen, die sich mit den Themen Umweltschutz, der Anti-Atom-Bewegung und regionalen, selbstbestimmte Lebensformen beschäftigen. Insgesamt sind an der Kulturellen Landpartie 826 Künstler- und Kulturschaffende beteiligt, welche das Wendland für einige Tage im Jahr in seinen vielfältigsten Formen erleuchten lassen.

Besucher können individuell oder auf empfohlenen Routen per Fahrrad oder zu Fuß von einem Wunde.r.punkt, so werden die Ausstellungsorte genannt, zum nächsten reisen. Dort werden sie neben den gebotenen Attraktionen auch mit regionalen kulinarischen Köstlichkeiten verwöhnt. So gibt es zum Beispiel fangfrischen Fisch aus Gorleben, Wildschwein-Bratwurst aus den Wendland-Wäldern, Brennessel-Tapas oder das regional hergestellte Bier Wendland-Bräu (auch Storchenbier). Viele Wunde.r.punkte bieten auch Übernachtungsmöglichkeiten an, Gäste können zwischen Heuhotels in alten Scheunen, Zeltplätzen oder Unterkünften in Gasthäusern wählen, um am nächsten Tag ihre Tour durch das Wendland fortzusetzen.

Hinter dem bunten und unbeschwerten Kulturfestival steckt eine tiefgreifende Geschichte, die eng mit dem Widerstand gegen die Atomkraft und speziell gegen das atomare Endlager in Gorleben verbunden ist. Seit der Benennung eines Salzstocks bei Gorleben als potentielles Endlager für ausgebrannte Brennstäbe im Jahre 1977 formiert sich im Wendland eine bis heute andauernde aktive Anti-Atomkraft-Bewegung. Um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass der andauernde Widerstand nicht aus „Steine werfenden Chaoten“ besteht wurde die Kulturelle Landpartie ins Leben gerufen. Sie zeigt, dass es nicht nur ein Gegen, sondern auch ein Für etwas gibt. Es geht darum, die Lebensentwürfe und Lebensverhältnisse (siehe Kapitel 7 Politik und Anti-Atomkraft-Bewegung im Wendland) der Menschen im Wendland zu präsentieren. Gleichzeitig bietet sie den ansässigen Künstlern die Möglichkeit, ihre Kunstwerke und Produkte vor Ort in ihrem ursprünglichen Kontext zu verkaufen. Somit kann die Kulturelle Landpartie als Öffentlichkeitsarbeit für die Region Wendland und die Anti-Atomkraft-Bewegung gesehen werden.

  • Mit dem Fahrrad das Wendland erkunden © Urban Explorer Hamburg
    Mit dem Fahrrad das Wendland erkunden © Urban Explorer Hamburg

Seit 1989 begeistert die Kulturelle Landpartie, durch ihre einzigartige Mischung aus Natur, Kultur und Veranstaltungen ihre Besucher. Sie bietet eine Entdeckungsreise in die grüne Landschaft des Wendlandes, gibt Einblicke in andere, alternative Lebenswelten, bietet Gemeinschaft und weckt dadurch die Abenteuerlust eines jeden Großstädters, der auf diese Weise einen idealen Kurz- und Fahrradurlaub verbringen kann.

Es spricht für sich, dass die Kulturelle Landpartie seit der Gründung fast ohne Werbung auskommt. Lediglich über private Netzwerke verbreitete sich die Veranstaltung in den Anfangsjahren und wuchs rasant. Dabei waren riesige Landschafts-Kunst-Aktionen, welche oft von medialen Berichten begleitet wurden, nicht ganz unbeteiligt. Ein weiteres Kunstwerk ist bereits für 2016 geplant: Als “künstlerisches Zeichen für den Widerstand” soll die mehrere Kilometer lange Mauer, welche das Erkundungsbergwerk Gorleben umgibt, von Künstlern aus der Region bemalt werden. Ebenfalls typisch für die Region sind gelb angemalte Kreuze und symbolische Atom-Müll-Fässer, welche an Straßen und Häusern aufgestellt wurden.

Die einzige Publikation bildet der so genannte Reisebegleiter, ein 344 Seiten großes Ausstellerverzeichnis, mit allen Veranstaltungen, Wunde.r.punkten sowie einer Übersichtskarte und ausgearbeiteten Fahrradrouten. Dieser kann für 4,50 € in vielen Läden in der Region sowie auf der Kulturellen Landpartie vor Ort oder gegen Einsendung von 5,00 € an die Adresse: Kulturelle Landpartie e. V., Drawehner Str. 2, 29439 Lüchow per Post erworben werden. Die Internetseite bietet ebenfalls eine Übersicht über Orte und Aussteller (www.kulturelle-landpartie.de).

Organisation und Finanzierung

Hinter der Kulturellen Landpartie als größter wiederkehrender Ausstellerzyklus dieser Art in Deutschland (mit ca. 60.000 – 70.000 Besuchern jährlich) steckt ein enormer Planungsaufwand, der vom größtenteils ehrenamtlichen Verein Kulturelle Landpartie Wunde.r.punkte im Wendland e. V. getragen wird. In einem monatlichen Plenum, zu dem alle Organisationen und Wunde.r.punktbetreiber, eingeladen sind, werden alle Planungsschritte basisdemokratisch entschieden. Dies führt in der Realität zu erheblichen Planungsschwierigkeiten, weil von 180 eingeladenen nur 30-40 Personen regelmäßig erscheinen. Dies erschwert die Entscheidungsfindung erheblich und macht die Partizipation wenig attraktiv. Größtenteils wird die Organisation von einigen wenigen, sich stark ehrenamtlich engagierenden, Personen gestemmt. Ein Beirat soll die Strukturen stetig weiterentwickeln, ist in der Praxis jedoch nicht vorhanden. Trotz dieser Diskrepanzen ist es erstaunlich, wie reibungslos und unkompliziert das Kulturfestival jährlich abläuft.

Finanziell steht der Verein auf eigenem Boden und ist unabhängig von Kulturförderern, was den Veranstaltern ein wichtiges Anliegen ist. Das Jahresbudget beträgt 60.000 € und wird durch Anmeldegebühren der Wunde.r.punkte (100 €) und der dort vertretenen Stände (40 €) sowie den Verkauf des Reisebegleiters erwirtschaftet. Neben den ehrenamtlich tätigen Personen werden zwei Büroangestellte und eine Person zur Pflege der Datenbank stundenweise entlohnt.

Aktuelle Herausforderungen

Obwohl die Kulturelle Landpartie auf gezielte Marketing-Maßnahmen verzichtet, erlebt sie von Jahr zu Jahr ungemeinen Zuwachs. Ein Blick in die Statistiken der Facebook-Seite der Kulturellen Landpartie zeigt deutlich die Besucherstruktur: Besonders Großstädter aus Hamburg, Berlin und Hannover fühlen sich vom Angebot angesprochen. Lüneburg liegt an dritter Stelle, erst dahinter liegen die direkten Orte der Region (Lüchow, Dannenberg, Hitzacker).

Mit dem stetigen Wachstum sind auch viele Probleme für die Organisatoren entstanden. Einerseits ist die ländliche Infrastruktur an entsprechenden Wochenenden überlastet, weil zu viele Personen mit Autos anreisen, was in manchen Orten im Verkehrschaos endet und so gar nicht in die friedliche Wendland-Idylle passt. Andererseits gibt es interne politische Kontroversen über die Ausrichtung der Veranstaltung. Einige sind der Meinung, dass die ursprünglichen Ideale, die Gegnerschaft gegen Gorleben und die Anti-Atomkraft-Bewegung, zu sehr in den Hintergrund geraten sind. Sie kritisieren die Kommerzialisierung und die Entwicklung zu einer austauschbaren touristischen Großveranstaltung, bei der es den Großstädtern nur noch um Konsum in ländlicher Atmosphäre geht. Dem wird widersprochen, indem es genügend Informationsstände zu dem eigentlichen Bewegthema gibt und das Politische nicht zwangsläufig im Vordergrund stehen sollte. Die Anti-Atomkraft-Bewegung ist mittlerweile in der Gesellschaft angekommen und sollte daher den Menschen nicht mehr mit der “Holzhammer-Methode” eingetrichtert werden.

Ebenfalls verhindern die wachsenden Besucherzahlen einen aktiven Austausch zwischen Ausstellern und Besuchern. Die eigentliche Intention, ihnen das Leben im Wendland näher zu bringen, gerät so zunehmend in den Hintergrund.

Die einheimischen Aussteller kritisieren die zunehmende Zahl externer Aussteller, die  bereits 2009 bei 43 % lag und in den letzten Jahren stetig gewachsen ist. Bei den großen Märkten beträgt sie sogar bis zu 80 %. Über 50 % der Einnahmen bleiben somit nicht in der Region. Andererseits ist der Fundus an regionalen Künstlern beschränkt, so dass die Organisatoren durch die zunehmenden Besucherzahlen darauf angewiesen sind, externe Aussteller zuzulassen.

Eine weitere Diskrepanz besteht hierbei auch zwischen alten und neuen Wunde.r.punkten. Von den Organisatoren abgelehnte Orte kritisieren die Narrenfreiheit der alten, seit Jahren bestehenden Wunde.r.punkte. Es wird mehr Transparenz und Gleichbehandlung für alle gefordert.

Eine ganz andere, aktuelle Herausforderung, stellt sich allen Bewohnern im Wendland. Junge, naturverbundene Familien mit rechter politischer Einstellung ziehen zunehmend in die Region. Die so genannten völkischen Siedler lassen sich “in den dünn besiedelten Gebieten als achtsame Ökobauern, geschickte Kunsthandwerker/innen und hilfsbereite Neuzugänge der Dorfgemeinschaft [nieder] – um dann politische Überzeugungsarbeit zu leisten”. Die Kulturelle Landpartie versucht Aufklärungsarbeit zu leisten um auf den Umstand aufmerksam zu machen. Außerdem ist für die nächsten Jahre ein “Atlas der braunen Punkte” geplant.

Ausflugstipps

Meuchefitz Gasthof & Wiese

Ein alter Gasthof inmitten der Natur, umgeben von großen Wiesen. Im Jahr 1984 brannte der Gasthof komplett nieder. 11 Erwachsene und 2 Kinder bauten das alte Fachwerkhaus über zwei Jahre wieder auf. Heutzutage befindet sich in diesem ein Tagungshaus und eine Gaststätte, in der sich die alternative Szene trifft.

Zur Kulturellen Landpartie steht ein riesiges Zirkuszelt auf der großen Wiese. Es gibt täglich Vorstellungen, sowie Kleinkünstler rund um das Zelt – der ideale Ort für Ausflüge mit Kindern. Im Gasthof werden kühle Getränke serviert und im Garten gibt es leckere Pizza aus dem selbstgebauten Steinofen. Eine Übernachtung ist auf dem dorfeigenen Zeltplatz mit Komposttoiletten möglich. In direkter Nachbarschaft steht eine wundervolle Dorfkirche aus Backsteinen. www.meuchefitz.de

Rundlingsdorf Satemin

Das größte erhaltene Rundlingsdorf im Wendland ist Satemin. Besonders kennzeichnend ist der große Dorfplatz, um den die alten Fachwerkhäuser platziert sind. Schon im Jahr 1660 hat Satemin auf Grund des Dorfplatzes für Volksfeste oder Vieh- und Heiratsmärkte überregionale Bedeutung gehabt. Den gut erhaltenen Zustand verdankt das Dorf einem Brand im Jahr 1850 der, der Überlieferung nach, durch ausgelassenen Speck entfacht wurde, der aus einer Pfanne in das Feuer lief. In kürzester Zeit wurden alle Häuser zerstört, da die Bewohner auf den Feldern tätig waren. Der König in Hannover befahl daraufhin, allen verfügbaren Handwerkern der Region sich nach Satemin aufzumachen, wodurch das Dorf in einer einmaligen Gemeinschaftsaktion in kürzester Zeit wieder aufgebaut wurde.

Heute bietet das Dorf in seiner direkten Lage zu Lüchow einen idealen Startpunkt für eine Fahrradtour durch das Wendland. Im Ort  ist besonders der Garten des Wendland Cafés ein Platz, der zum Verweilen einlädt. Im Café wird neben Kuchen, Gebäck und Getränken moderne Töpferkunst verkauft. Des Weiteren gibt es einen Fotograf und eine Malerin, welche ihre Höfe, und die darin enthaltenen Ateliers, öffnen. In der Kirche finden Konzerte statt. www.wendland-cafe.de

Kussebode, die Heimat des Wendlandbräu

Ein kleines Dorf, bestehend aus wenigen Häusern und dem Reit- und Ferienhof der Familie Ahrends, auf dem auch die Brauerei des Storchenbieres beheimatet ist. Zur kulturellen Landpartie bebt der Hof förmlich vor Leben. Eine große Bühne bietet ein vielfältiges Programm für jung und alt bis in die Abendstunden hinein. Für das leibliche Wohl, sorgt die Wendlandbräu Brauerei. Diese bietet handgemachtes Craft-Bier in Bio und Demeter-Qualität an. Das Bier ist nicht filtriert und pasteurisiert, wodurch wichtige Nähr- und Geschmacksstoffe erhalten bleiben. Die Brauerei bietet kostenlose Führungen für alle Neugierigen an. Daneben, bietet ein großer Kunstmarkt viele handgearbeitete Einzelstücke an. Ebenfalls gibt es ein breites Programm für Kinder. www.storchenbier.de

Szene & Party – Neu Tramm und Mammoißel

Ein interessantes Projekt, der Raum 2 e. V., befindet sich in Neu Tramm. Er bespielt eine alte Fabrikhalle, in der sich eine Siebdruckwerkstatt, Ateliers und ein experimentelles Restaurant befinden sowie ein großer Innenhof mit einer Bühne. Hier finden bis spät in die Nacht, wer will auch bis zum nächsten Morgen, Partys und Konzerte statt. Das Gelände bietet Fusion-Festival-Stimmung mitten im Wendland. Im hauseigenen Restaurant werden regionale Zutaten zu experimentellen und leckeren Gerichten verarbeitet.

Interessant dabei ist die Geschichte des kleinen Ortes, der aus einer Kaserne in Rundlingsdorf Bauweise und der Fabrik (Raum 2 e. V.)  besteht. Die im Wendland typische Bauweise wurde gewählt, um die Kaserne, welche Produktionsort des Reichenbachgeräts (V1), ein Versuchsflugzeug, im Zweiten Weltkrieg war, geheim zu halten. Des Weiteren wurde am Standort Luftwaffenmunition hergestellt. Heute ist die Kaserne privatisiert und wird vom Land Niedersachsen für die Stationierung von Polizeieinheiten zu Castor-Transporten oder zur Unterbringung von Helfern während Elbe-Hochwassern genutzt.

Mammoißel ist ein typisches Rundlingsdorf, welches bekannt für seine Hofpartys ist. Zur Live-Musik in schöner Atmosphäre lässt es sich gut bis spät in die Nacht tanzen. www.raum2.landbit.de

Das Hannoversche Wendland als Kulturlandschaft

Als das Hannoversche Wendland wird eine Region im Nordosten von Niedersachsen bezeichnet, welche sich sowohl durch kulturelle als auch geographische und politische Eigenheiten von der restlichen Region abhebt. Es hat eine Fläche von ungefähr 1.200 km² und eine sehr geringe Bevölkerungsdichte von ca. 40 Einwohnern (Stand 2012) pro qkm.

Der Name für diese Region wurde im 18. Jahrhundert erstmals schriftlich erwähnt. Stephan Freiherr von Welck, Herausgeber eines ausführlichen Buches über die Regionalgeschichte des Wendlandes, führt ihn zurück auf Christian Hennig von Jessen, welcher von 1679 bis 1719 Pastor der Kirchengemeinde Wustrow war. Der Pastor, welcher außerdem Theologe, Sprachwissenschaftler und Brauchtumsforscher war, benutzte in einem 1705 geschriebenen Brief allerdings noch den Begriff Lüneburger Wendland. „Der Name verbreitet sich rasch; es galt als wissenschaftliche Besonderheit, Menschen aus einem anderen Volksstamm mit fast erloschener, aufgegebener Sprache unter sich zu wissen, und erst recht, gereichte es dem Landesfürsten zu Ehre, über „fremde Völker“ zu gebieten.“

Der Name Hannoversches Wendland taucht dagegen erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf. Das Benutzen dieses eigenständigen Begriffes bezog sich zu dem Zeitpunkt vor allem noch auf Eigenheiten in der Kultur der Region durch die slawischen Wenden, welche dort siedelten. (siehe Kapitel 8 Die Geschichte des Wendlandes und seine besondere Siedlungsform die Rundlingsdörfer)

  • Alte Bauernhäuser öffnen den Gästen ihre Türen und laden zum Verweilen ein. © Urban Explorer Hamburg
    Alte Bauernhäuser öffnen den Gästen ihre Türen und laden zum Verweilen ein. © Urban Explorer Hamburg

Heutzutage ist das Wendland vor allem noch als historische Kulturlandschaft und politische Region zu verstehen. „Das Wendland unterscheidet sich von den ihm benachbarten Gebieten nicht nur durch seine naturgegebenen Eigenheiten. Es ist auch eine eigene Kulturlandschaft. Das hat Anneliese Krenzlin, langjährige Inhaberin des Lehrstuhls für Geographie an der Universität Frankfurt und Begründerin einer modernen interdisziplinären Forschungsmethode innerhalb der Siedlungsgeographie, in ihrer 1931 in erster Auflage erschienenen Dissertation „Die Kulturlandschaft des hannoverschen Wendlands“ zum ersten Mal in wissenschaftlicher Gründlichkeit und Breite nachgewiesen.“

Neben den später im Detail behandelten Rundlingsdörfern, gehören zu den noch vorhandenen kulturellen und geschichtlichen Merkmalen der Region vor allem die slawischen Orts- und Flurnamen sowie die reich geschmückten Bauernhäuser. Außerhalb von Museen haben wendische Trachten, Volksbräuche und Tänze nicht überlebt. Das heutige vereinende politische Thema des Wendlandes ist, wie eingangs erwähnt, die Diskussion um das mögliche Endlager in Gorleben.

Politik und Anti-Atomkraft Bewegung

Das Hannoversche Wendland und ganz besonders Gorleben sind heutzutage besonders bekannt für den anhaltenden Protest gegen Atomkraft und das Errichten eines Endlagers in Gorleben. Das Wendland ist eine politische Landschaft, und dass mit diesem Begriff etwas anderes gemeint ist als politische Grenzen, führt Freiherr von Welck sehr gut aus: „Vielmehr wird dieser Begriff hier sehr viel konkreter verwendet zur Bezeichnung einer Region, (a) deren Bewohner sich in ihrer Mehrheit über Jahrzehnte an ein und derselben politischen Auseinandersetzung aktiv beteiligen, und (b) in der diese Auseinandersetzung auch für Außenstehende selbst bei häufigerem An- und Abschwellen des Konflikts permanent wahrnehmbar ist.“

Diese politische Auseinandersetzung existiert bereits seit den 1970er Jahren und findet rege Beteiligung durch die Bewohner des Wendlandes, entweder als Gegner oder Befürworter des Transportes von Atommüll zum bereits in Betrieb genommenen Zwischenlager in Gorleben und der Untersuchung des Gorlebener Salzstocks zur möglichen Endlagerung.

Warum es auch Befürworter zum Endlager gibt, lässt sich aus einigen Fakten zu den ursprünglichen Plänen um das Endlager und angeschlossene Werk von Herrn Wilhelm Paasche erkennen:

„Alles in allem wurde mit einer Belegschaft der Werke mit 3600 Arbeitsplätzen gerechnet. Das hätte in der Tat zu einer durchgreifenden Entlastung der wirtschaftlichen Misere des Wendlandes führen können. Zu den Inhabern der Arbeitsplätze kommen ja deren Familienangehörige dazu und ferner eine nicht unerhebliche Zahl neuer Arbeitsplätze, die der Versorgung der neuen Einwohner dienen würde. Auch war damit zu rechnen, daß die Werke die heimische Wirtschaft mit zusätzlichen Aufträgen versorgen würden. Man hätte damit rechnen können, daß für 15 000 bis 20 000 Menschen im Wendland zusätzlich Lohn und Brot bereitgestanden hätte.“

Besonders Herr Paasche ist dem damaligen Informationsfluss und den Protesten gegen die Atomkraft misstrauisch gegenüber gesinnt gewesen. Warum jedoch besonders die Protestaktionen und die Gegner der Atomkraft das Wendland geprägt haben, ist leicht nachzuvollziehen.

Der politische Konflikt, welcher die Region nach wie vor bewegt und Ausdruck findet in den gut sichtbaren gelben Kreuzen als Zeichen des Protestes, hat dem Wendland zwar eine überregionale Identität verschafft, allerdings eine Identität des Protestes, des „Gegen-etwas-sein“. Und hier an dieser Stelle finden sich die Wurzeln, aus denen die Kulturelle Landpartie entstanden ist.

Aus Interviews mit Kulturschaffenden und -interessierten der Zeit, kann man die Anfänge der KLP nachverfolgen. Ihnen ging es vor allem darum zu zeigen, wofür sie stehen und nicht immer nur gegen was sie protestieren. Diese Idee wurde in den Anfängen vor allem durch kleine Aktionen und Veranstaltungen umgesetzt, einen Pfingstmarkt 1985 in Kukate, auf welchem regionales Kunsthandwerk verkauft wurde, jährliche Landschaftskunstaktionen im Landkreis zwischen 1987-1989 und einige erfolgreiche Kunstaustellungen. Der Erfolg der Veranstaltungen zeigte, dass die Künstler im Wendland ihre Werke auch dort verkaufen konnten, anstatt mit ihnen in die Städte zu gehen. Und so schlossen sich 7 Personen, 1989 zusammen, um diese Vermarktung am Wohnort voranzutreiben. Die Aktivitäten wurden in einem Programm zusammengebracht und mit dem Namen Wunde.r.punkte, im ersten Jahr mit ca. 20 Ausstellern, umgesetzt.

1993 brach das ursprüngliche Team allerdings die Veranstaltungsreihe ab. Sie war sehr schnell gewachsen und von großem Erfolg beschieden, was ein unerwartetes Ausmaß an Organisationsarbeit nach sich zog. Zu dem fühlten die Veranstalter, dass der ursprüngliche politische Hintergrund durch die immer stärkeren touristischen Züge, welche die Veranstaltung angenommen hatte, unterging.

Bereits 1994 hatte sich jedoch ein neues Organisationsteam zusammengefunden. Die Veranstaltung war zu einem wirtschaftlichen Faktor für die ansässigen Künstler geworden und so wurde sie lückenlos weitergeführt unter neuem Namen: „Kulturelle Landpartie – Wunderpunkte im Wendland“.

Obwohl wirtschaftlich und touristisch ein sehr wichtiger Faktor im Wendland, ist der Protest gegen Atomkraft nach wie vor ein wichtiger treibender Grund hinter der Veranstaltung.

Die Geschichte des Wendlandes und seine besondere Siedlungsform die Rundlingsdörfer

„Der Name „Hannoversches Wendland“ geht zurück auf die „Wenden“, d. h. auf einen Sammelnamen slawischer Stämme, die im frühen Mittelalter das Gebiet jenseits der Elbe bewohnten und von dort aus in unseren Raum eingedrungen sind.“ 

Die Rundlingsdörfer, als ländliche Siedlungsform, im Hannoverschen Wendland sind eines der prägnanten Merkmale der Region und eng verknüpft mit der Geschichte dieser Besiedelung durch slawische Stämme.

Sie zeichnen sich durch ihre auffällige Bauanordnung in Form eines Hufeisens oder Kreise aus. „Die Grundstruktur der Rundlinge bildet die giebelseitige Stellung des niederdeutschen Hallenhauses um den annähernd runden Dorfplatz. Enge Hofauffahrten und keilförmig nach außen sich erweiternde Hofplätze bestimmen das Siedlungsbild. Die Anzahl der zu einem solchen Dorf gehörenden Höfe ist unterschiedlich: es gibt Klein-Rundlinge mit nur drei bis oder vier Höfen; Groß-Rundlinge dagegen weisen 12 bis 16 Höfe auf.“Diese Form sorgt für eine Trennung zwischen dörflichem Leben und der Außenwelt wodurch der Zugang zu den Dörfern geregelt wird. „In das Rund des giebelumstandenen Platzes mündet nur eine Straße ein. Ein Durchgangsverkehr findet nicht statt.“

Zu der Frage wann genau diese Siedlungsform entstanden ist, vor welchem kulturellen Hintergrund und zu welchem Zweck gibt es unterschiedliche Theorien. Zu den wichtigsten Forschern bezüglich dieser Fragen zählen Anneliese Krenzlin, Wolfgang Meibeyer und Willi Schulz-Lüneburg. Während ältere Theorien häufig die Rundlingsdörfer als ehemalige Wehrdörfer betrachten oder sie als volkstypische Siedlungsform der slawischen Wenden ansehen, welche dort ehemals gelebt haben sollen, stellt sich vor allem Meibeyer mit seiner aktuelleren Forschung gegen viele dieser Ideen.

So gab es in den Gebieten, aus welchen die Slawen ursprünglich kamen, niemals Rundlinge und sie können so, laut Meibeyer, auch nicht als eine typisch slawische Siedlungsform betrachtet werden. Auch die Dörfer als Wehranlagen zu interpretieren lehnt er ab, da die runde Form, welche die Wehrhaftigkeit suggeriert, dafür erst zu spät entstanden ist.

„Die heute so bekannte runde Form, welche den Dörfern ihren Namen gibt, war dabei nicht von Anbeginn ihrer Errichtung vorhanden. „Erst zu Beginn der Neuzeit, also nach 1500, ist diese Geschlossenheit der „perfekten“ Rundlingsdörfer nachträglich zu Stande gekommen. Während des vorangegangenen Mittelalters ähnelten die Grundrisse dieser Dörfer hier noch einem Hufeisen, zwischen dessen Schenkeln ein breiter Zugang unversperrt weit offen dalag, der in aller Regel auf die zugehörige Feldmark ausgerichtet war.“ Die runde Form entstand erst im 16. Jahrhundert, durch eine Teilung des Besitzes der einzelnen Höfe und eine daraus resultierende Verdopplung ebenjener.

Diese Entwicklungen lassen sich an unterschiedlichen historischen Dokumenten und Quellen nachvollziehen, welche Meibeyer dafür zu Rate zieht.

„Der hufeisenförmige Rundling ergibt sich somit als eine um 1150 gerade aktuelle, offenbar weithin gebräuchliche Grundrissform bei der Neugründung (und auch der Modernisierung älterer) bäuerlicher Ansiedlungen – ausdrücklich aber unter Einbeziehung slawischer Menschen.“

Man kann davon ausgehen, dass die ersten Rundlinge, damals noch hufeisenförmig, im Zuge der frühen Deutschen Ostkolonisation um 1150 entstanden sind. Während Herr Schulz 1985 noch davon ausging, dass vom 8. bis 11. Jahrhundert in dem Gebiet bereits eine kontinuierliche slawische Bevölkerung vorhanden war, geht Meibeyer 2012 von einer gezielten Ansiedlung slawischer Bauernfamilien ab 1150 aus, für welche die Rundlinge erst gebaut wurden. Woher diese kamen, ist nicht endgültig geklärt. Meibeyer stellt die These auf, dass diese womöglich im Zuge eines Feldzuges oder Krieges zwangsangesiedelt wurden. Es gibt Anzeichen für ein noch höheres Alter der Rundlinge, da einige der slawischen Namen in noch älteren Überlieferungen vorkommen, Meibeyer geht jedoch davon aus, dass die slawischen Namen der Ortschaften von noch älteren Siedlungen stammen, welche an Stelle vieler heutiger Rundlinge existiert haben und somit die Datierung Bestand behält.

Wer sich für genaue archäologische Details diesbezüglich interessiert, dem sei übrigens das Buch Hannoversches Wendland von Berndt Wachter zu empfehlen. Weitere Informationen zu den Rundlingsdörfern des Hannoverschen Wendlandes sind zudem hier zu finden: http://www.rundlingsdorf.de

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