Straßennamen Lüneburgs

Ein Beitrag von Manon le Hir und Leonie Seibel

Straßennamen in Lüneburg: ein Medium für das Zusammenleben

Straßennamen dienen auf den ersten Blick einer administrativen und logischen Segmentierung der Stadt. Sie repräsentieren etwas Formelles, das nicht nur das Individuum, sondern auch jede Regierung und Gesellschaft braucht, um die Identifizierung der Orte und die Orientierung zu ermöglichen. Die Tatsache, dass die Geschichte der Straßennamen in Lüneburg „nur“ bis zum Mittelalter zurückgeht, bedeutet nicht, dass es vorher keine Straßennamen gab, sondern nur, dass nichts in Archiven zu finden ist bzw. dass sie vor dieser Zeit noch nicht institutionalisiert und formell anerkannt wurden. Aber es ist trügerisch zu denken, dass die Menschen vor dem Mittelalter keine Namen benutzt haben, um die Orte zu bezeichnen, da Straßennamen ein Medium für das Zusammenleben sind. Menschen brauchen eine gemeinsame Kodierung ihrer Umwelt, um sich treffen und austauschen zu können. Straßennamen sind:

Abdruck einer Mentalität und Ausdruck des kulturellen Gedächtnisses einer Stadt. Sie können von den Herrschenden verordnet sein oder – wie die Straßennamen aus dem Mittelalter – einfach als Abbilder des Sehens entstanden sein.

Straßennamen entsprechen infolgedessen also nicht nur administrativen, sondern auch menschlichen Bedürfnissen und beziehen sich infolgedessen auf greifbare und sichtbare Elemente des Zusammenlebens, nämlich die Geographie und die Geschichte der Orte, die sie bezeichnen. Als „letzte historische Zeugen einer vergangenen städtebaulichen Struktur“ sagen die Lüneburger Straßennamen sehr viel über die Entwicklung der Stadt, ihre Bevölkerung und ihre natürlichen Gegebenheiten. Die Straßennamen des Stadtzentrums Lüneburg werden anhand dieses Textes mit der Hilfe des Buches „Die Straßennamen Lüneburgs“ von Wilhelm Reinecke, Gustav Luntowski und Uta Reinhardt erläutert.

Die Straßennamen in Lüneburg können in verschiedene Kategorien gegliedert werden, die ihrer Entstehungsart entsprechen:

Die natürliche Beschaffenheit des Ortes

Die erste Kategorie ist die natürliche Beschaffenheit des Ortes und umfasst jede Straße, die nach ihrer geologischen Gegebenheit benannt wurde. Jede Stadt integriert sich in einer natürlichen Landschaft, die nicht nur ihren Aufbau und ihre Entwicklung beeinflusst, sondern auch das Leben ihrer Bevölkerung selbst. Als durch die Lüneburger Heide bekannte Stadt, spielt die Natur in Lüneburg eine große Rolle. So wurde zum Beispiel der größte und bekannteste Platz der Stadt „Am Sande“ nach seiner natürlichen Beschaffenheit benannt. Am Sande ist ein beliebter Treffpunkt und aus dem Stadtvokabular nicht wegzudenken. Auch Reisende werden Lüneburg kaum verlassen, ohne über „den Sande“ geschlendert zu sein.

Während er in dem ältesten Stadtarchiv vom 1229 als der Platz „in Harena“ erwähnt wird, wurde der Platz am Ende des 13. Jahrhundert umbenannt. Er war ungepflastert, in einer Zeit, in der die Straßen Lüneburgs immer mehr mit Pflastersteintritten getaktet waren. Der sandige Platz wurde also zum „Sande“ und stand damals schon im Zentrum des lüneburgerischen Lebens. Er wurde als Handelsplatz benutzt, auf dem sich zahlreiche Kaufmänner und Handwerker versammelten, um hauptsächlich Salz, Korn und Bier zu verkaufen. Am Sande wurde auch als Parkplatz benutzt: die Lüneburger haben auf diesem Platz ihre Pferdefuhrwerke und Karren abgestellt, um ihre Einkäufe zu Fuß zu tätigen. Der Platz war und bleibt natürlich als Handels- und Aufenthaltsplatz sehr strategisch, weil er in der Nähe der auf langer Flussstrecke einzigen Furt lag, die schon früh von einer Brücke überbaut wurde. Auch heute liegt er zentral, gehen doch von ihm vier Einkaufsstraßen ab.

Der Name Am Sande hat also seinen Ursprung in seiner natürlichen Beschaffenheit und der Platz trägt diesen Namen immer noch, obwohl er heutzutage gepflastert ist. Die Stadt Lüneburg bietet für diese Kategorie andere Beispiele: So wurden die Ilmenaustraße und die Kastanienallee beide nach ihrer Lage in der Natur benannt.

  • Ilmenaustraße © Le Hir/Seibel
    Ilmenaustraße © Le Hir/Seibel

Weitere Straßennamen dieser Kategorie in der Innenstadt Lüneburgs:

  • Auf dem Meere: Nimmt Bezug auf einen Erdfall, also eine salzverursachte Senkungserscheinung. In Folge der Absenkung soll dort zeitweise ein kleiner See entstanden sein.
  • Auf dem Wüstenort: Dieser „Ort“ bezeichnet in diesem Kontext einen „Platz“. Bis 1419 war dieser Platz ein unbebautes Gelände zwischen Altstadt, Neustadt und Modestorpe.
  • Baumstraße: Damals wurde der Innenhafen der Stadt nachts mit Hilfe eines Baumes gesperrt, um sich vor feindlichen Überfällen zu schützen.
  • Ilmenaustraße: Diese Straße wurde nach dem Fluss Ilmenau, der durch Lüneburg fließt, benannt.
  • Rosenstraße: Die Erklärung dieses Straßennamens steht noch nicht fest. Während manche behaupten, dass es in dieser Straße der Neustadt einen Rosengarten gab, vertreten andere die Meinung, dass dieser Name aus der Geschichte der Hausnummer 10 entstanden ist. Dieses Haus wurde als Gefängnis benutzt, mit ein paar Folterkammern, in denen viele blutigen Geschichte in der Heimlichkeit – unter den Rosen – geschahen.

Öffentliche Gebäude

Eine andere Art, die Straßen zu benennen, als sich auf die natürliche Umgebung zu beziehen, besteht darin, die Straßen nach einem öffentlichen Gebäude oder einem Merkmal des Viertels zu benennen. Diese Kategorie befindet sich in einer engeren Beziehung mit der städtischen Organisation und Administration und hilft nicht nur dem Einwohner, sich zu orientieren, sondern gibt gleichzeitig einen Hinweis auf den Standort mancher städtischen Gebäude. In dieser Kategorie sind zum Beispiel der Rathausplatz, die Apothekenstraße oder Bei der St. Johanniskirche zu finden.

Die Entstehung dieser Straßennamen scheint zunächst offensichtlich und intuitiv. Lüneburg bewahrt aber seinen Touristen ein paar Rätsel, was seine Straßen angeht. Die Glockenstraße birgt zum Beispiel das Glockenhaus und alles lässt zunächst darauf schließen, dass es sich hierbei um den Ursprung der Namensgebung der Glockenstraße handelt. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Das Glockenhaus wurde nämlich nach der Glockenstraße genannt. Es wurde im Jahre 1483 errichtet und hieß damals „bussenhusz“, bis es im Jahre 1526 in „domus bombardarum“ umbenannt wurde.

Das Büchsen- oder Zeughaus entstand jedoch an eben derjenigen Straße, wo schon vorher ein Glockenhaus gestanden hatte und von alters die Glockengießer ihr kunstvolles Handwerk ausübten. Übrigens wird das Büchsenhaus schon 1483 auch klockenhus genannt; der Doppelname ist um so natürlicher, als den Glockengießern vielfach auch der Guß von Geschützen oblag, und es umgekehrt nichts Auffallendes hatte, dass die städtischen Büchsenmeister, welche die Schlangen und Bombarden anfertigten, auch den Guß von Kirchenglocken besorgten.

  • Bei der St. Johannis Kirche © Le Hir/Seibel
    Bei der St. Johannis Kirche © Le Hir/Seibel

Weitere Straßennamen dieser Kategorie in der Innenstadt Lüneburgs

  • Apothekenstraße: Vermutlich seit 1525 so genannt, als die Ratsapotheke in das monumentale Apothekengebäude verlegt wurde.
  • Hinter den Brunnen: Bezieht sich auf einen Doppelbrunnen mit Leitungswasser.
  • Hinter der Bardowicker Mauer: Der Name ist zwischen 1794 und 1802 entstanden, um die Mauergasse der aktuellen Baumstraße zu bezeichnen. Die Verlängerung dieser Straße nach Westen führte mit der Zeit zur aktuellen Straße Hinter der Bardowicker Mauer. Der Name dieser Straße hat sich also mit der Stadt verändert und zeugt von der Erweiterung Lüneburgs.

Richtungsziele

Diese Kategorie ist so selbsterklärend wie sie scheint. Es handelt sich hier um solche Straßen, deren Verlauf über kurz oder lang in eine andere Ortschaft führt und deren Namensgebung eben hierauf beruht. Nun ist dies, verwirrenderweise, nicht bei jeder Straße, die einen Ortsnamen trägt, der Fall. Während man der Dahlenburger Landstraße getrost bis an ihr Ende folgen und sich seines Zieles, nämlich Dahlenburg, sicher sein kann, wäre man schlecht beraten, der Lübecker Straße zu folgen, um nach Lübeck zu gelangen. Als kurze, geradlinige, vom Westen nach Osten führende Straße, beginnt sie an einer Kreuzung und endet abrupt als Sackgasse. Ihren Namen verdankt sie also mehr der emotionalen Verbundenheit zur anderen Hansestadt als einer geographischen Eigenschaft. Anders verhält es sich mit der Uelzener Straße, die ursprünglich als Hannoversche Landstraße im Jahre 1786 angelegt wurde. Sowohl ihr alter als auch ihr neuer Name entspringt ihrem Richtungsziel, wobei man bei dem alten Namen von einem groben Richtungsziel sprechen müsste: Zur Uelzener Straße wurde die Hannoversche Landstraße im Jahr 1780, im Zuge der neuen Wohnungen des Beamtenvereins. Warum ein neuer Straßenname vonnöten war, ist nicht bekannt.

Weitere Straßennamen dieser Kategorie in der Innenstadt Lüneburgs:

  • Auf der Altstadt
  • Bahnhofstraße
  • Bardowickerstraße
  • Lüner Weg: führt zum Kloster Lüne, ein ehemaliges Benediktinerinnenkloster und heutiges evangelisches Damenstift.
  • Zum Wendischen Dorfe

Bestimmung

Straßennamen können auch im Zusammenhang ihrer Bestimmung benannt werden. Zum Beispiel hat damals die Salzproduktion das Lüneburger Leben beeinflusst und gekennzeichnet. Die Architektur der Stadt ist nämlich sehr stark vom Einfluss des Salzes geprägt. Man redet sogar von einem „Salzviertel“. Die Straßen „Hinter der Saline“, Salzbrückerstraße, Salzstraße oder Salzstraße am Wasser sind Beispiele dafür. Die Salzbrückerstraße ist laut W. Reinecke die älteste Straße der Stadt und führte vom Kalkberg und der dort bis zum 14. Jh. befindlichen Pfarrkirche St. Cyriak zur Saline. Die Salzbrücke ist heutzutage nicht mehr sichtbar, aber es wird angenommen, dass diese Straße über einen kleinen Bach führte oder dass die Brücke die Pflaster der Straße bezeichnen sollte. Die Salzstraße am Wasser war eine der wichtigsten Straßen, weil sie „ein Brennpunkt des Salzverkehrs“ für den Handelsmarkt in Lüneburg darstellte.

Die Fischmarktstraße oder die heutigen Einkaufsstraßen „Kleine und große Bäckerstraße“, die vom Sande zum Rathausplatz führen, sind andere Beispiele für diese Kategorie und befinden sich außerhalb des Salzviertels. In den zwei Hauptgeschäftsstraßen sind heutzutage allerdings keine Bäckerläden mehr zu finden, aber ihre Namen waren im 14. Jahrhundert durch ihre zahlreichen Bäckereien bestimmt. Im Jahre 1352 machte die erste Bäckerei der Straße auf der Höhe der Nummer 15 auf, und eröffnete damit ein Zeitalter der Bäckereien in der Stadt Lüneburg, bis zum Jahr 1902, in dem die letzte Bäckerei der Straße aufmachte. In dieser pragmatischen Organisation, alle Bäckereien in derselben Straße einzurichten, zeigt sich eine wirtschaftliche Bestimmung der städtischen Landschaft. Durch die Nähe der verschiedenen Bäckereien, kann der Kunde die Produkte und Preise vergleichen und verfügt so eine Übersicht über den Markt. Nicht selten haben auch die Stadtoberen oder Handwerkszünfte angeordnet, dass ein Gewerbe nur in einer Straße oder dem Bezirk einer vorindustriellen Stadt betrieben werden durfte.

Die Bestimmungskategorie kann also in manchen Fällen einer marktwirtschaftlichen Logik entsprechen und dadurch die Organisation eines Zeitalters und die Modalitäten des Zusammenlebens widerspiegeln. Die Straßennamen, die hier erwähnt wurden, liefern Informationen über den Salz- und Brothandel im Mittelalter und eine Vorstellung über die Organisation des Verkaufsmarkts in Lüneburg zu dieser Zeit.

  • Kleine Bäckerstraße © Le Hir/Seibel
    Kleine Bäckerstraße © Le Hir/Seibel

Weitere Straßennamen dieser Kategorie in der Innenstadt Lüneburgs:

  • Am Markt: Marktplatz vor dem Rathaus schon seit 1514, damals noch „Neumarkt“.
  • Am Stintmarkt: Im Mittelalter wurde hier mit Stint gehandelt. Der Fisch findet sich in der Ilmenau, an der die Straße gelegen ist.
  • An den Brodbänken: Die Verkaufstände der Bäcker zogen sich entlang der südlichen Häuserreihe bis in die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts.
  • An der Münze: In der Straße befindet sich ein bunt geschmücktes Haus, das lange Zeit als die „städtische Münze“ angesprochen wurde. Im 16. Jahrhundert war nachweislich auch der Münzmeister dort ansässig.
  • Auf dem Kauf: Geht vermutlich auf den Salzverkauf am Wasser zurück.
  • Bahnhofstraße: Seit 1862 trägt die Straße ihren jetzigen Namen. Die Verbindung von Hamburg nach Hannover über Lüneburg besteht schon seit 1847.
  • Grapengießerstraße: Die Grapengießerstraße gehört in die Kategorie „Bestimmung“, weil das Handwerk der Grapengießer aufgegriffen wird. Grapen sind mittelalterliche Kochgefäße, die aus Metall hergestellt wurden und sich für das offene Feuer eigneten.
  • Große & Kleine Bäckerstraße : Hauptgeschäftsstraße der Straße, es gibt heutzutage keine Bäckereien mehr. Im Jahre 1352 macht in der Hausnummer 15 die Bäckerei Fredericus de cellario auf. Anschließend entstehen in der Straße viele Bäckereien: Bäcker Betmann bei der Nr.21, die Konditorei Möller usw.
  • Hinter der Saline: Diese Straße wurde im Jahre 1969 nach dem Ausbau des Gebietes der Soltauer Straße Hinter der Saline benannt.
  • Münzstraße: In der Münzstraße lag 1383 das Wohnhaus des städtischen Münzers.
  • Neue Sülze: 15. Juli 1273 verkaufte der Herzog Johann einem Begüterten die alte Saline.
  • Salzbrückerstraße: Älteste Straße der Stadt, weil sie den Kalkberg und die Pfarrkriche von St. Cyriak mit der Saline verband. Es gibt keine Spur mehr von der Salzbrücke, die der Straße ihren Namen gegeben hat. Es wird aber angenommen, dass die Straße eine Brücke besaß, die über einen Bach führte.
  • Salzstraße
  • Salzstraße am Wasser: Bezug auf einen Salzspeicher am Brennpunkt des Salzverkehrs, an der Ilmenau.
  • Schröderstraße: Die Straße wurde vorwiegend von Schneider*Innen bewohnt. („Schrôden“ niederdeutsch für „schneiden“).
  • Waagestraße: In dieser Straße neben dem Rathaus stand die Stadtwaage.
    Wandfärberstraße: Kommt aus dem Wort „Want“, was als Tuchstoff verstanden werden soll. In dieser Straße stand im Jahre 1569 eine Tuchfärberei und gab der Straße ihren Namen.
  • Zollstraße: In dieser Straße befand sich eine herzogliche Zollstation. Zuvor gab es sie in Bardowick, sie wurde aber nach dessen Zerstörung nach Lüneburg verlegt und bestand in dieser Straße bis 1750.

Repräsentation städtischer Veränderungen

Städte unterliegen einem ständigen Wandel. Sie werden größer, neue Viertel entstehen, die wiederum einen Wandel durchlaufen und sich entwickeln. Es wurde schon deutlich, dass Straßennamen nichts Beständiges sind, auch wenn dies durchaus zunächst sicherlich die Absicht ist. In Lüneburg zeigt sich das an dem Beispiel „Neue Straße“, deren Name zunächst zu der Vermutung führen könnte, dass eine neue Straße, wenig einfallsreich, nach ihrer Neuartigkeit benannt wurde. Nun befindet sich die neue Straße allerdings mitten in der Altstadt. Und tatsächlich trug die neue Straße einst einen anderen Namen: 1375 hieß sie Wonnekenbruk. Zu dieser Zeit befand sich in der Straße ein Frauenhaus. Die Prostituierten hatten damals eine jährliche Abgabe an den Bauherren zahlen, die man Wonnekenbruk nannte: Brok bezeichnete hierbei die Geldbuße, während Wonneke, von Wonne, damals ein gängiger Frauenname in Lüneburg war. 1434 benannte man die Straße um, vermutlich aufgrund des unkeuschen Ursprungs des Straßennamens.

Straßennamen können auch konkrete Entwicklungen einer Stadt bezeugen. Die Grenzstraße beispielsweise verläuft parallel zur ehemaligen Stadtgrenze. Die Altentorbrückenstraße geht auf die Brücke zurück, die durch das eingeforderte Brückengeld um 1530 eine Menge Geld abwarf. Damals im Lehnsitz einer Familie Wittorf, erwarb der Rat die Brücke im Jahr 1528. Man sprach nun von der alten Brücke und bezog sich dabei auch auf das dazugehörige Tor. In einem Kopialbuch ist die Bezeichnung eines Bürgermeisters „olde(n) brugghe“ zu finden. Die Straße hieß bis 1860 „vor dem Altenbrückertore“ und erhielt erst danach ihren jetzigen Namen.

Weitere Straßennamen dieser Kategorie in der Innenstadt Lüneburgs:

  • Wallstraße: Zieht sich entlang der alten Wallanlage Lüneburgs
  • Tor-Straßen: markieren alte Stadtzugänge
    • Altenbrückertorstraße (entlang der Ilmenau im Osten)
    • Neuetorstraße, Vor dem neuen Tore (Westen)
    • Vor dem Bardowicker Tore (Norden)
    • Vor dem Roten Tore (Süden)

Eigentümer oder Anwohner eines Hauses

Für diese Kategorie genügt eine knappe Erklärung: Oft nutzte man zur Benennung einer Straße die Namen bekannter Einwohner eben dieser. Ein Beispiel aus Lüneburg ist die Koltmannstraße. In dieser stand das Brauhaus der Familie Koltmann, das sich schon seit Generationen im Besitz der Familie befand. Die Straße erhielt ihren Namen in der Mitte des 16. Jahrhunderts, davor hieß sie „Tittersche Strate“. Die Anwohnerin Alheyd Tittersche wurde 1317 Bürgerin der Stadt Lüneburg. Was ihr die Ehre einer nach ihr benannten Straße zukommen ließ, ist unbekannt.

Weitere Straßennamen dieser Kategorie in der Innenstadt Lüneburgs:

  • Finkstraße
  • Visculenhof

Persönlichkeiten aus Lüneburg

Während in der vorigen Kategorie einfache Bürger den Straßen ihre Namen bescherten, sind es in der letzten Kategorie sogenannte Persönlichkeiten, also Menschen, die einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht haben. Beliebt sind dabei ehemalige Bürgermeister der Stadt, so kamen zum Beispiel die Garlopstraße und die Schomakerstraße zu ihren Namen.

Interessant ist die Geschichte hinter der Johanna-Stegen-Straße: Als am 2. April 1813 bei dem Gefecht zwischen napoleonischen Truppen und dem preußischen Regiment in Lüneburg dem Regiment die Munition ausging, sammelte, der Legende nach, Johanna Stegen die Kugeln eines umgekippten Munitionswagens der Franzosen auf und brachte sie den verzweifelten Preußen, was zu deren Sieg geführt haben soll.  Johanna Stegen wurde nicht nur durch einen Straßennamen geehrt, sondern bekam auch ein Denkmal am Bardowicker Wall. Einmal im Jahr verkleidet sich hier ein junges Mädchen als Johanna Stegen und putzt das Denkmal. Wird sie angesprochen, erzählt sie die Heldengeschichte des 2. Aprils 1813.

Weitere Straßennamen dieser Kategorie in der Innenstadt Lüneburgs:

  • Kalandstraße: erhielt ihren Namen durch das in ihr ansässige Kalandhaus, ein Gesellschaftshaus der Kalandbrüderschaft, das im Jahr 1491 entstand.
  • Ritterstraße: Erinnert an die Opfer beider kämpferischer Seiten des Ursalatages im Jahr 1371 im Zuge des Lüneburger Erbfolgekrieges.

Nicht alles ist zu erklären

Nicht alle Straßennamen lassen sich eindeutigen Kategorien zuordnen. Manche Straßennamen passen in gleich mehrere, andere wiederum scheinen nirgends so recht hineinzupassen. Marion Werner untersuchte die Vergebung von Straßennamen und stellte fest, dass die Vergabe bestimmten Regeln oder, wie sie es ausdrückt, Gesetzen folgt:

Zunächst dienen Straßennamen dem schon anfangs erwähnten Zweck der Orientierung und folgen so dem Gesetz der Raumgliederung. Die Straßen aus der Kategorie „Richtungsziele“ folgen dabei auch dem Gesetz der Richtungsweisung. Die Gesetze der Beständigkeit, Eindeutigkeit und Beschränkung weisen darauf hin, dass ein Straßenname zunächst immer auf Dauer angelegt ist, die Namen nicht zu verwechseln sein sollen und dass eine Stadt einzelne Straßenabschnitte nicht neu benennen sollte, um die Anzahl der Straßennamen so gering wie möglich zu halten.

Ein weiterer und etwas komplexerer Benennungsgrundsatz ist das Gesetz der sozialen Verträglichkeit. Dieses soll verhindern, dass Anwohner unter dem Namen ihrer Straße leiden, indem er sie diskreditiert. So wird man in keiner deutschen Stadt die Straße der Arbeitslosen finden. Das Gesetz, das sich in seiner Bedeutung weit über die einzelne Straße hinaus erstreckt, ist das Gesetz der nationalen Identität. Von der Thomas-Mann Straße bis hin zur Johanna-Stegen Straße, es sind vor allem nationale Persönlichkeiten, die die nationale Identität einer Stadt stärken. Aber auch richtungweisende Straßennamen sind Erinnerungsträger eines nationalen Bewusstseins. Straßennamen begegnen Menschen täglich, sobald sie das Haus verlassen. Auch der Straßenname des eigenen Wohnorts wird Teil der eigenen Identität, immer wieder muss man in verschiedenen Kontexten auf sie verweisen, ob in privaten oder in bürokratischen Angelegenheiten. Nicht nur kulturelle Strömungen werden durch Straßennamen sichtbar gemacht, sondern auch Herrschaftsstrukturen, die sich das Kommunikationspotential der Straßennamen zunutze machen können. Die Straßennamengebung während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgte eine Strategie des Führerkults und prägte so sukzessive die deutschen Städte. Straßennamen eignen sich demnach, um eine Ideologie sichtbar zu machen und das Stadtbild entscheidend zu prägen. Genauso bedeutend war die Umbenennung der Straßen nach dem Zweiten Weltkrieg, das Deutschland war nun ein anderes und das zeigte sich in den Straßennamen, die laut Werner eine Tendenz zur Verdrängung zeigten, in dem zum Beispiel in Köln Namen wie „zum Milchmädchen“ und „An der Paradieswiese“ auftauchten.

Die Kategorien und die gewählten Beispiele machen deutlich, dass Straßennamen die Umwelt der Menschen in einer Stadt widerspiegeln können. Ob es die Natur, bekannte Menschen oder Stadtentwicklungen sind: die Namen verbinden die Stadtgeschichte und ihre Menschen miteinander. Als „Abbilder des Sehenden“ , können sie Geschichten erzählen und Bilder aus der Vergangenheit in die Gegenwart holen.

Dies heißt jedoch nicht, dass sich der Sinn jedes Straßennamens jedem Bürger und jeder Bürgerin sofort erschließt. Ganz im Gegenteil, die Kategorien und die ausgewählten Beispiele zeigen, dass die Ursprünge oft überraschen können. Umso spannender ist es, anhand der Straßennamen den Spuren der Vergangenheit zu folgen.


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