Johann Sebastian Bach in Lüneburg

Ein Beitrag von Melina Dahmen

St. Michaelis als Wegbereiter für einen der bedeutendsten Komponisten des Barocks

Die St. Michaelis Kirche in der westlichen Altstadt Lüneburgs blickt auf mehrere Jahrhunderte bewegter Musikgeschichte zurück. Die Kantorei St. Michaelis zählt heute zu den größten Chören Norddeutschlands. In der traditionsreichen Musikgeschichte der Kirche fällt ein Name ganz besonders auf: Johann Sebastian Bach. Neben den klassischen „Bach-Städten“ wie Eisenach und Leipzig spielte auch Lüneburg in seinem Leben eine bedeutende Rolle. Der damals noch junge Bach war zwischen 1700 und 1702 ein Mitglied des Mettenchores in St. Michaelis. In den Folgejahren wurde er zu einem der größten protestantischen Kirchenmusiker und bleibt bis heute unvergessen.

Die Geschichte der St. Michaelis Kirche

Ursprünglich war die St. Michaelis Kirche Teil des Michaelisklosters, das bereits im 10. Jahrhundert durch Herzog Hermann Billung und Amelung Bischof von Verden gegründet wurde. Die Klosteranlage wurde auf dem Kalkberg neben der herzoglichen Burg in Lüneburg erbaut. 956 fand das Kloster erstmalig schriftliche Erwähnung und fast hundert Jahre später, am 1. Oktober 1055, erfolgte die Weihe der Klosterkirche. Da Lüneburg über die Jahrhunderte florierte und die Bürgermeister der Salzstadt immer mehr an Einfluss gewannen, nutzten sie einen Erbfolgestreit der Landesherren, um sich der herzoglichen Burg zu entledigen, woraufhin 1371 sowohl die Burg als auch das Kloster von Lüneburgern abgetragen wurde.

Am 25. November 1373 bekam das Kloster ein neues Baugrundstück innerhalb der Stadtmauer geschenkt. Der Grundstein der dreischiffigen, gotischen Hallenkirche wurde fünf Jahre später gelegt. Der Bau und seine Statik stellten St. Michaelis damals wie heute vor Probleme. Der Grund dafür war, dass die Kirche und weite Teile der westlichen Altstadt über einem unterirdischen Salzstock erbaut wurden. Daher kam es im gesamten Gebiet immer wieder zu erheblichen Senkungsschäden.

  • Die Abtswappentafel in der St. Michaelis Kirche von 1567, beginnend mit dem Klostergründer Hermann Billung © Dahmen
    Die Abtswappentafel in der St. Michaelis Kirche von 1567, beginnend mit dem Klostergründer Hermann Billung © Dahmen

Im Juni 1388 zog der Orden der Benediktiner in die neu errichtete Klosteranlage ein. Trotz einer protestantischen Reformation im Jahr 1532 blieb das Kloster als benediktinisches Ordenshaus erhalten. Erst 1655 wurde der Konvent aufgelöst und in eine Ritterakademie umgewandelt. Die Akademie war den Nachkömmlingen des Lüneburger Adels vorbehalten und bestand bis 1850.

Die Klosterschule wurde bereits 1340 durch eine externe Schule ergänzt. Die Michaelisschule war eine Schenkung des Herzogs Otto I. und sicherte dem Kloster das örtliche Schulmonopol. Die Partikularschule, eine Schule für Jungen von bürgerlicher Herkunft, genoss hohes Ansehen. Sowohl die Ritterakademie als auch die Michaelisschule nahmen nur die begabtesten Schüler auf.

Johann Sebastian Bachs Leben, bevor er nach Lüneburg kam

Johann Sebastian Bach Statue in Leipzig © Dahmen
Johann Sebastian Bach Statue in Leipzig © Dahmen

Johann Sebastian Bach wurde am 21. März 1685 in Eisenach geboren. Er war das jüngste von drei Kindern, die stadtbürgerlich aufwuchsen. Sein Vater, Johann Ambrosius Bach, war Stadtmusiker und brachte seinen Kindern die Musik näher. Die Mutter verstarb, als Johann Sebastian gerade einmal neun Jahre alt war. Nur wenige Zeit später folgte auch der Tod des Vaters und Bach wurde somit bereits 1695 zu einer Vollwaise.

Nach dem Tod der beiden Elternteile zog er zu seinem ältesten Bruder Johann Christoph nach Ohrdruf. Wie zuvor in Eisenach besuchte Bach auch hier eine Lateinschule und zählte zu den besten Schülern. Zusätzlich unterrichtete ihn sein Bruder musikalisch. Als dieser ihn jedoch nicht mehr finanziell unterhalten konnte, musste Johann Sebastian Ohrdruf wieder verlassen. Eine Lösung für den mittellosen Fünfzehnjährigen war die Michaelisschule in Lüneburg. Gemeinsam mit seinem Freund Georg Erdmann zog Bach im Frühjahr 1700 nach Lüneburg und besuchte dort die Partikularschule.

Bachs Zeit in Lüneburg

Johann Sebastian Bachs Aufenthalt in Lüneburg ist einer der am wenigsten erforschten Abschnitte seines Lebens. Das liegt unter anderem daran, dass nur wenige Dokumente und Schriften davon Zeugnis geben. Lüneburg war bis zu diesem Zeitpunkt die größte Stadt, in der Johann Sebastian Bach sich niederließ. Viele Musiker zog es damals in den Norden, da Hamburg, Celle und auch Lüneburg während der Barockzeit florierten.

Aufgrund seines musikalischen Talents wurde Bach von der Michaelisschule als Freischüler aufgenommen. Gemeinsam mit seinem Freund Georg Erdmann sang er als Sopransänger im Mettenchor. Der Mettenchor galt als der beste der Kantorei und bildete ein Ensemble aus 15 musikalisch erfahrenen Schülern. Sie bildeten die Kerngruppe, die von externen Chorschülern ergänzt wurde. Die Aufnahme Bachs in den Chor verdeutlichte, dass er eine sehr gute Singstimme besaß.

In St. Michaelis fand damals eine sehr reichhaltige musikalische Gottesdienstgestaltung statt. Um sieben Uhr sang der Chor in der Mette (Morgengebet) und abends in der Vesper (Abendgebet). Als Gegenleistung erhielten sie vom Kloster freie Unterkunft und Verpflegung. Zusätzlich bekamen die Chormitglieder monatlich Geld und im Winter Brennholz. Die Schulordnung erwartete von den Schülern Gehorsamkeit, Bescheidenheit, Frömmigkeit und Fleiß. Johann Sebastian Bach erhielt zudem Unterricht in den Fächern Religion, Logik, Mathematik, Griechisch und Latein. Die Schule legte aber auch auf moderne Fächer Wert wie Geschichte, Geographie und Physik.

Das Kicheninnere von St. Michaelis, Lüneburg. Gemälde von Joachim Burmester um 1700 © Dahmen
Das Kicheninnere von St. Michaelis, Lüneburg. Gemälde von Joachim Burmester um 1700 © Dahmen

Straßengesänge waren für die Schüler ein wichtiger Nebenverdienst, weshalb es zwischen den Chören der verschiedenen Lehranstalten grundsätzlich Rivalitäten gab. Die Straßenreviere wurden dementsprechend unter den Schulchören der St. Johanniskirche und der St. Michaelis Kirche aufgeteilt. Wenn die Schüler aufeinandertrafen, kam es wiederholt zu Prügeleien und Auseinandersetzungen.

Neben der Straßenmusik verdienten sich die Chöre bei Hochzeiten, Begräbnissen und weiteren Anlässen eine Kleinigkeit dazu. Während der zahlreichen Auftritte sammelte Bach viele wichtige Erfahrungen in unterschiedlichen musikalischen Bereichen. Das breite Repertoire des Chores umfasste nicht nur Gesänge für liturgische, sondern auch für nichtliturgische und weltliche Anlässe. Nachdem Bach in den Stimmbruch kam, erhielt er eine hervorragende Stelle als Chorpräfekt und Instrumentalist in St. Michaelis. Nach Beendigung seiner Ausbildung an der Michaelisschule 1702 verließ Johann Sebastian Bach schließlich Lüneburg.

Die Bedeutung von Bachs Aufenthalt in Lüneburg

Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass Bach in der Michaelisschule zahlreiche Anregungen für sein späteres Werk gewann. Die Michaelisschule prägte und schulte Bach in der evangelischen Kirchenmusik. Zudem war die Partikularschule sehr angesehen und bot Bach eine gute Ausbildung, welche ihm in Kombination mit seiner Mitgliedschaft im Chor dazu verhalf, verschiedene Erfahrungen für spätere Kompositionen zu sammeln. Darüber hinaus verfügte St. Michaelis über eine sehr umfangreiche Musikbibliothek, die eine große Bedeutung für die Schulchöre hatte, da sie aktiv für die musikalische Ausbildung genutzt wurde. Bach erhielt somit die Möglichkeit, mit der Musik von zeitgenössischen und früheren Meistern in Berührung zu kommen.

Zu der Zeit, als Bach sich in Lüneburg aufhielt, waren zwei bekannte Organisten in Lüneburg tätig. Zum einen wirkte Georg Böhm in der St. Johanniskirche und gleichzeitig Johann Jakob Löwe in der St. Nikolai. Beide müssen den jungen Bach inspiriert haben, denn kurz nach seiner Zeit in Lüneburg wurde er schon im Alter von 19 Jahren für fähig befunden, als Organist in Arnstadt tätig zu sein. Bereits im Vorfeld standen Böhm und die Bach-Familie in Kontakt, da auch dieser aus einem thüringischen Dorf nahe Ohrdruf kam. Als Bach nach Lüneburg reiste, war Georg Böhm bereits ein angesehener Komponist und Organist. Die langen Spekulationen, dass Bach in Lüneburg Kontakt zu Böhm hatte, sind dank eines Manuskripts heute nun bewiesen. Auf einer Abschrift in Bachs Handschrift befindet sich am Ende ein Vermerk, dass er diese Kopie bei Georg Böhm 1700 in Lüneburg angefertigt hatte. So kann davon ausgegangen werden, dass Bach Orgelunterricht von Böhm bekam und dieser ihn maßgeblich in seiner Musikentwicklung beeinflusste.

Von Lüneburg aus war es Bach zudem möglich, nach Celle zu reisen, wo er mit Werken italienischer und französischer Meister in Berührung kam. Auch eine Wanderung nach Hamburg, eine der damals führenden deutschen barocken Musikzentren für Kirchen-, Kammer- und Orchestermusik, ist belegt. Hier hörte er den gefeierten Orgelmeister Jan Adams Reinke. Dieser war berühmt für sein Fachwissen im Orgelbau, was für Bach interessant und für seinen späteren Werdegang relevant war. Bach hatte demzufolge in mehrfacher Hinsicht die Möglichkeit, sein Wissen zu erweitern. Nicht nur durch seine Ausflüge nach Celle, sondern auch durch die Nähe zur Ritterakademie wurde er höfisch und nach französischem Vorbild geprägt. Obwohl die Ritterakademie und die Partikularschule getrennt voneinander waren, gab es aufgrund der räumlichen Nähe diverse Kontaktmöglichkeiten.

Wegen der baufälligen Orgel der St. Michaelis Kirche war 1701 der Orgelbauer Johann Balthasar Held in der Kirche tätig. Man kann daher recht sicher sein, dass Bach in Lüneburg zusätzlich technisches Wissen im Orgelbau erworben hatte.

Bachs Leben nach Lüneburg

Mit achtzehn Jahren zog Johann Sebastian Bach nach Weimar und ein halbes Jahr später nach Arnstadt. Dort wurde er 1703 als Organist eingestellt. Sein Leben in Arnstadt ermöglichte es ihm, seine ersten bedeutenden Kompositionen zu verfassen. Nachdem er nach Mühlhausen umsiedelte und als Organist der St. Blasius Kirche arbeitete, heiratete er 1707 seine Cousine Maria Barbara. Bereits kurze Zeit später verließ er Mühlhausen wieder und ging für neun Jahre an den Weimarer Hof. Hier war Bach sowohl für den regierenden Herzog Wilhelm Ernst als Hoforganist als auch für seinen Neffen Ernst August als Kammermusiker tätig. In dieser Zeit wurde auch seine erste Tochter geboren. Im Laufe seines Lebens bekam Bach insgesamt 20 Kinder. Von 1717 bis 1723 war Bach als Hofkapellmeister in Köthen angestellt. Während einer Reise starb seine Frau Maria Barbara. Doch wie zu dieser Zeit üblich, heiratete Johann Sebastian 1721 erneut, eine junge Sopranistin namens Anna Magdalena.

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Bach in Leipzig. Er wurde als Kantor der Thomasschule und Musikdirektor angestellt. Dort verfasste er einen Großteil seiner Kantaten und erweiterte sein Repertoire. Im März 1729 übernahm er die Direktion am Collegium Musicum. Eine besondere Ehrung erhielt Bach 1736, als er zum königlichen Hofkompositeur ernannt wurde. Am 28. Juli 1750 starb Johann Sebastian Bach im Alter von fünfundsechzig Jahren.

  • Ein Bach-Fenster der Thomaskirche in Leipzig © Dahmen
    Ein Bach-Fenster der Thomaskirche in Leipzig © Dahmen

Bach zählt bis heute zu einem der bedeutendsten Barockmusiker. Er spielt vor allem für die evangelische Kirchenmusik eine zentrale Rolle. Wegbereitend für diese musikalische Entwicklung war unter anderem sein Aufenthalt hier in Lüneburg, denn St. Michaelis war ein Ort, in dem Musik und Gesang stark gefördert wurden.

Die St. Michaelis Kirche bis heute

Von 1795 bis 1945 war St. Michaelis eine Garnisonskirche. Bereits 1850 wurden die Ritterakademie und die Schule aufgehoben. Die Kirche blieb jedoch Eigentum der Klosterkammer Hannover, weshalb bis heute eine Partnerschaft zwischen St. Michaelis und der Landesbehörde besteht.

Die St. Michaelis Kirche erfuhr im Laufe der Zeit allerdings einige Veränderungen. Zunächst wurde die Inneneinrichtung im Stile der Aufklärung umgebaut (1794/95) und später der gotische Grundcharakter wieder hergestellt (1864 – 1866).  Die letzte große Restaurierung erfolgte 1868 und wurde 1872 beendet. Demnach ist die Kirche, die Johann Sebastian Bach erlebte, eine andere als die, die heute noch zu bestaunen ist.

Ein kleines Schild an der Seite der St. Michaelis Kirche und der Name des Platzes, an dem die Kirche steht, erinnern heute für jeden sichtbar an Johann Sebastian Bachs Zeit in Lüneburg. Bachs musikalische Werke werden in der St. Michaelis Kirche auch heute noch gerne und oft gespielt. Der Kirchenmusiker und Kantor der St. Michaelis Kirche, Henning Voss, hat Bach eine ganz besondere Bedeutung beigemessen: „Bachs Stücke sind von einer derartigen, sonst kaum irgendwo erreichten Tiefe, Intensität und Schönheit, dass sie mich in meinem Wirken als Kirchenmusiker ohnehin mehr beeinflussen als die Musik jedes anderen Komponisten.“

  • Erinnerung an Johann Sebastian Bachs Aufenthalt an der Michaelisschule an der Seite der St. Michaelis Kirche © Dahmen
    Erinnerung an Johann Sebastian Bachs Aufenthalt an der Michaelisschule an der Seite der St. Michaelis Kirche © Dahmen

Neugierig geworden? Die St. Michaelis Kirche bietet auch Führungen an. Besuchen Sie den Ort, an dem Bach einst wandelte, oder genießen Sie ein Konzert an diesem geschichtsträchtigen Ort.

Die Lage der St. Michaelis Kirche in Lüneburg © Open Street Map
Die Lage der St. Michaelis Kirche in Lüneburg © Open Street Map

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