Der Lüneburger Marktplatz

Ein Beitrag von Frieder Behrens und Josepha Groesgen

Damals wie heute: Knotenpunkt des Stadtgeschehens

Die Lage vom Marktplatz Lüneburg © Open Street Map
Die Lage vom Marktplatz Lüneburg © Open Street Map

Zwischen Saline, Kalkberg und Ilmenau eingebettet, ist er ein Knotenpunkt im Lüneburger Stadtgeschehen: der Marktplatz. Seine Geschichte geht bis in das 13. Jahrhundert zurück und im Laufe der Jahre hat er zwar sein Gesicht verändert, aber seine Bedeutung für Stadt und Bürger*innen ist damals wie heute stets dieselbe geblieben. Umringt vom Rathaus, Landgericht und diversen Wohn- und Geschäftsgebäuden, findet auf dem Marktplatz mehrmals die Woche der Wochenmarkt statt, auf dem lokale Anbieter*innen Obst, Gemüse, Backwaren und andere Leckereien verkaufen. Mit seinen knapp 2200 Quadratmetern ist er, nach Am Sande, der zweitgrößte Platz Lüneburgs. Der fast quadratische Platz ist umgeben von Fahrwegen, das Innere des Platzes war und ist jedoch allein den Fußgänger*innen vorbehalten. Lediglich eine schmale diagonale Fahrrinne von Südwest nach Nordost erlaubte den Fuhrwerksverkehr.

Der aus Bronze gegossene Stadtplan vor der Tourist-Information © Behrens/Groesgen
Der aus Bronze gegossene Stadtplan vor der Tourist-Information © Behrens/Groesgen

Im Osten wird der Marktplatz von der großen Bäckerstraße (Verlinkung) begrenzt. Die Einkaufsstraße ist Lüneburgs Einkaufsmeile und lässt das Shopping-Herz höherschlagen. Im Norden des Platzes gen Westen verlaufend befindet sich der Ochsenmarkt. Außerdem ist hier das Landgericht lokalisiert, auch Schloss genannt und verleiht dem Marktplatz im Kontext der Lüneburger Gerichtsbarkeit (Verlinkung) eine wichtige Rolle. Westlich wird der Marktplatz vom prunkvollen Lüneburger Rathaus begrenzt. Hier befindet sich auch eine wichtige Anlaufstelle für alle Besucher*innen der Stadt: Links neben dem Rathaus hat die Lüneburger Marketing GmbH ihren Sitz und informiert in der Tourist-Information über vielfältige Ausflüge in und um Lüneburg. Ein schöner, in Bronze gegossener Stadtplan vor der Touristeninformation verschafft Besucher*innen einen Überblick über die vielen Lüneburger Sehenswürdigkeiten. Und eine von ihnen ist gar nicht weit: Im Süden befindet sich die Waagestraße und in ihr eine ganz besondere und seltene Sehenswürdigkeit – Lüneburgs “schwangere Mauern”.

Das schwangere Haus

Die erste Frage, die sich beim Lesen wohl stellt: Wie kann ein Haus schwanger sein? Die Antwort zu dieser Frage liegt in der Bauweise und dem verwendeten Baumaterial: Zum Bau der Backsteinhäuser nutzten die Lüneburger*innen seit dem 12. Jahrhundert den Gips und Anhydrit des Kalkbergs (Verlinkung) als Kalkmörtelersatz, um die Fugen des Hauses mit Gipsmörtel zu verputzen. Wird der Gips beim Brennen zu stark erhitzt und dadurch “totgebrannt”, nimmt der Mörtel im Lauf der Jahre viel Feuchtigkeit auf. Dringt Luftfeuchtigkeit der Innenräume, Regen- oder Grundwasser in das Mauerwerk ein, beginnt ein chemischer Prozess im Mauerwerk. In der Außenwand reagiert das Anhydrit auf Kälte und Feuchte mit Volumenzunahme, während in der warmen, trockenen Mauer im Gebäude keine Reaktion abläuft. Die Folge: Der Mörtel dehnt sich aus und die Wand bekommt eine Auswölbung.

Die bauchige Form der Hauswand entsteht also durch Aufnahme von Feuchtigkeit der äußeren Mauer. Da die Quellung nicht stark genug ist, um das ganze Haus anzuheben, drückt sie die äußere Ziegelschicht nach außen und bildet einen „Bauch“. Ein faszinierendes Bild, das wohl auch die Imagination anregte: Seit jeher geht das Gerücht um, dass das Berühren der Hauswand kinderlosen Paaren Glück bei der Erfüllung ihres Kinderwunsches bringen soll. Hierbei handelt es sich zwar nur um ein Gerücht, aber ein Besuch ist dieses kuriose Haus allemal wert!

Eines der vielen "schwangeren" Häuser in Lüneburg © Behrens/Groesgen
Eines der vielen „schwangeren“ Häuser in Lüneburg © Behrens/Groesgen

Als der Löwe Bardowick zerstörte…

So begann die Geschichte des Neumarkts, der uns heute meist als Marktplatz Lüneburgs bekannt ist. Bis 1188 existierte der Marktplatz, so wie wir ihn heute kennen noch gar nicht. Vorgänger war der kleine Marktplatz bei St. Cyriak am Kalkberg. Doch als Heinrich der Löwe, 1142 bis 1180 Herzog von Sachsen, die regionale Handelsmetropole Bardowick zerstörte, sollte Lüneburg an dessen Stelle treten und hierfür bedurfte es eines größeren Marktplatzes. Die heutige Stadtmitte war derzeit noch nicht bebaut, während die drei Siedlungskerne Lüneburgs, Saline, Suburbium der Burg und Modestorpe (Ilmenau-Furtensiedlung bei der Johanniskirche) immer mehr zusammenwuchsen.

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurde der Neumarkt planmäßig angelegt und fungierte so auch als finales Verbindungsstück der Siedlungskerne. Hier fand bis zum 16. Jahrhundert einmal wöchentlich am Mittwoch der Markttag statt. Ab dem 16. Jahrhundert, als es mehr Bürger*innen, mehr Waren und mehr Geld in Lüneburg gab, erlaubte der Rat, dass auch samstags die Verkäufer*innen ihre Waren feilbieten durften. Bis zum heutigen Tage haben sich Mittwoch und Samstag als Markttage gehalten.

Um den Marktplatz besser zugänglich zu machen, wurde Anfang des 14. Jahrhunderts ein steinerner Fußweg, die sogenannte “Via Lapidea”, angelegt. An der Nordwestecke des Platzes befand sich seit etwa 1500 ein schlichter Brunnen, der sein Wasser vermutlich aus der Ilmenau erhielt. Dieser Brunnen war der Vorgänger des um 1530 angelegten prunkvollen Luna-Brunnens, welcher bis heute den Marktplatz ziert. Die heutige Gestalt des Platzes mit Bäumen an der nördlichen sowie der südlichen Seite des Platzes geht auf einen Entwurf des Stadtbaurates A. Maske aus dem Jahre 1887 zurück.

Der Platz war zudem auch ein Ort der Gerichtsbarkeit, so befand sich der Schandpfahl an der nordöstlichen Ecke des Rathauses, schräg gegenüber dem Schloss, das heute vornehmlich als Landgericht bekannt ist. Zwischen 1693 und 1696 ließ Herzog Georg Wilhelm das Schloss als herzoglichen Sitz errichten. Zuvor mussten die Wohnhäuser, die sich an dieser Stelle befanden, abgerissen werden.

Das zwischen 1693 und 1696 errichtete Schloss, heute dient es als Landgericht © Behrens/Groesgen
Das zwischen 1693 und 1696 errichtete Schloss, heute dient es als Landgericht © Behrens/Groesgen

Ein weiteres geschichtsträchtiges Gebäude befindet sich an der nordöstlichen Ecke des Marktes: der Schütting. Nachdem das Gebäude 1466 vom Rat erworben und zum Gesellschaftshaus umgebaut wurde, wurde der Schütting vielfältig genutzt: Hier wurden Gäste bewirtet, die Sülfmeister feierten ihre Feste und Kaufleute und Handwerksorganisationen hielten ihre Versammlungen ab. 1717 wurde der Schütting zum Hotel, heute befindet sich dort die Buchhandlung “Lünebuch”.

Das ehemalige Gesellschaftshaus "der Schütting" © Behrens/Groesgen
Das ehemalige Gesellschaftshaus „der Schütting“ © Behrens/Groesgen

Lüneburg – Stadt der Mondgöttin Luna?

Vor dem Rathaus, nicht ganz mittig auf dem Marktplatz, steht der Luna-Brunnen. Erstmals wurde dieser 1530 von einem unbekannten Künstler geschaffen. Über den zwei Brunnenschalen befindet sich eine Säule und darüber eine Statue der römischen Jagdgöttin Diana, die in der griechischen Mythologie auf den Namen Artemis hört und ursprünglich Frauen- und Mondgöttin war: daher der Name “Luna” für “Mond”. Die Göttin, die von einem Halbmond bekrönt wird, hält Pfeil und Bogen in ihren Händen.

Wieso nun aber eine Statue der Mondgöttin? In lateinischen Texten taucht Lüneburg nicht nur als latinisiertes Lunaburgum, sondern auch als gräzisiertes Selenopolis (Mondstadt) auf, eine Anspielung an eine seit dem späten Mittelalter populäre Etymologie, die Lüneburg mit der Mondgöttin Luna verbindet. Im 16. und 17. Jahrhundert glaubten die Lüneburger*innen, dass die Stadt einst eine römische Siedlung war und sich ihr Name vom Namen der griechischen Göttin “Luna” ableitete. Was viele jedoch nicht wissen, ist, dass es sich hierbei um einen Irrtum handelt: Stattdessen kommt Lüneburg von dem Wort ‚Hluini‘ für Zuflucht, denn das karolingische Heer hatte hier im 8. Jahrhundert seinen Lagerplatz danach benannt. Trotzdem hat sich die Geschichte der Mondgöttin in Lüneburg gehalten.

  • Der Lunabrunnen vor der prächtigen Rathausfassade © Behrens/Groesgen
    Der Lunabrunnen vor der prächtigen Rathausfassade © Behrens/Groesgen

Allerdings musste sie über die Jahre schon einiges über sich ergehen lassen: 1970 wurde die Originalstatue aus Bronze von 1532 gestohlen. Nur die Füße blieben übrig, alles andere hatten Unbekannte in der Höhe der Fußknöchel abgesägt. Als zwei Jahre später eine vom Künstler Harald Hacke angefertigte, originalgetreue Kopie aufgestellt wurde, erstrahlte der Brunnen wieder in seinem alten Glanz. Doch immer wieder wurden die Statue oder Pfeil und Bogen geklaut.

2017 sollte den frechen Dieben jedoch ein für alle Mal das Handwerk gelegt werden: Der Lüneburger Künstler Eduard Kolle stellte eine größere Nachbildung der Statue aus Eichenholz her. Im inneren der Figur befindet sich ein Mikrochip zur Nachverfolgung, um die neue Luna vor Dieben zu schützen. Die bronzene Vorgängerfigur kann im Museum Lüneburg (Verlinkung) bewundert werden.

Der Rathauskomplex und die Marktfassade

Richtet man den Blick aus gen Westen, entdeckt man das wohl prägnanteste Gebäude am Marktplatz: das Rathaus.

Das Rathaus und der davor stattfindende Wochenmarkt © Behrens/Groesgen
Das Rathaus und der davor stattfindende Wochenmarkt © Behrens/Groesgen

Ein erster Teil des Gebäudekomplexes wurde an dieser Stelle im Jahre 1230 errichtet – mitten in einer Zeit, in der die Stadt durch ihren Salzmarkt eine wirtschaftliche Blütezeit erlebte. Doch es blieb nicht bloß bei diesem ursprünglichen Gebäudeteil: In den folgenden Jahrhunderten beauftragten die Lüneburger immer wieder große Maler*innen, Schnitzer*innen und Bauhandwerker*innen, die das Rathaus erweiterten, umbauten, sanierten und weiter schmückten.

Das Rathaus bildet heute somit ein aus mehreren Gebäuden bestehendes Ensemble. Am auffallendsten ist dabei die prächtige Ost- bzw. Marktfassade, die vom Marktplatz aus zu erblicken ist. Diese wurde 1602 geschaffen, 1720 nach einem Brand erneuert und im Jahre 1840 im Zeichen des Historizismus einer Sanierung unterzogen. Hier befinden sich zwischen 1604 und 1607 aus Sandstein gefertigte teilvergoldete Statuen der römischen und griechischen Mythologie. Unter anderen finden sich dort Figuren der Severitas (die Strenge), Veritas (die Wahrheit), der Clementia (Die Göttin der Milde), Friedrich der Siegreiche, sowie Iustitia, stellvertretend für die Gerechtigkeit.

Figuren der griechischen und römischen Mythologie an der Ostfassade © Behrens/Groesgen
Figuren der griechischen und römischen Mythologie an der Ostfassade © Behrens/Groesgen

Eine weitere Besonderheit des Rathauses ist der aus dem 14. Jahrhundert stammende Lauben- oder Gerichtssaal. Erbaut 1330, ist der mit kunstvollen Wand- und Deckenmalereien verzierte Saal der älteste, noch erhaltene Teil des Rathauses. Die Besucher*innen werden beim Betreten des Raumes geradezu ins Mittelalter zurückversetzt. Neben den Malereien finden sich dort aufwändig gestaltete Mosaikfenster, ein geschnitzter Ratsstuhl und kunstvolle Wandschränke. Wie der Name bereits verrät, tagte hier ab 1330 das hohe Gericht – worauf auch die erwähnten Statuen an der Westfassade bereits hinweisen. Wer sich im Saal etwas genauer umschaut, kann im Boden mehrere Öffnungen entdecken: Tagten die Ratsherren im Winter, wurden sie mit Wärme aus der unterhalb des Gerichtssaals liegenden Brennkammer versorgt.

Für die, die sich ein genaueres Bild vom Rathaus machen möchten, werden dienstags bis sonntags öffentliche Führungen angeboten. Jedoch unter außergewöhnlichen Umständen, denn der Gebäudekomplex wird derzeit umfassend renoviert. Bis 2024/25 soll die aufwändige, denkmalpflegerische Instandsetzung abgeschlossen sein.

Das Glockenspiel auf dem Rathausturm

Wer sich regelmäßig im Umfeld des Rathauses aufhält, wird zwangsläufig das Glockenspiel im Rathausturm bemerken. Seit 1956 erklingt von Frühling bis zum Herbst dreimal täglich das aus Meißner-Porzellan gefertigte, 41-teilige Glockenspiel. Dabei werden Lieder des Lüneburger Komponisten Johann Abraham Peter Schulz (1747-1800) angespielt, welche jedoch je nach Jahreszeit variieren. Im Frühjahr ertönt vormittags “An die Natur”, mittags “Es war ein Schäfer und seine Schäferin” und abends das berühmte Abendlied “Der Mond ist aufgegangen“ mit dem Text des Gedichts von Matthias Claudius. In der Sommerzeit zuerst “Heureigen”, dann “Landmann” und abends wieder “Der Mond ist aufgegangen”. Während der Herbsttage wird zunächst das Erntelied “Bauernmarsch”, daraufhin der „Erntetanz“ aus der Oper „Das Erntefest“ und zuletzt wieder das „Abendlied“ gespielt.

Seinen Ursprung nahm das Glockenspiel zum 1000-jährigen Stadtjubiläum 1956. Diverse Lüneburger Einrichtungen beteiligten sich damals an der Errichtung des Spiels. In den Wintermonaten müssen die Porzellanglocken ruhen. Kälte und Frost könnten beim Anschlagen der Glocken dafür sorgen, dass diese Risse bekommen. Außerdem muss die Konstruktion regelmäßig gewartet und auf Vordermann gebracht werden, so wie im Frühjahr 2016, im Winter 2018/19 und im Mai 2020. Die Melodien erklingen sonst unregelmäßig und werden häufig vertauscht. So hörte man beispielsweise “Der Mond ist aufgegangen” bereits am Morgen – ein Problem der von 1956 stammenden Steuerung zwischen Uhr und Glockenspiel.

Der Wochenmarkt

Abschließend gelangen wir zum Wochenmarkt. Dieser findet zweimal wöchentlich statt und macht den Marktplatz damit für viele Lüneburger bis heute zu einem Dreh- und Angelpunkt der Hansestadt. Mittwochs und samstags von 7 bis 13 Uhr findet sich allerlei frisches Obst und Gemüse, Pflanzen und Blumen, Honig, Käse, Fisch und Wurst sowie viele weitere Produkte aus der Region. Ca. 50 regionale Stände bieten das ganze Jahr über ihre Produkte an – lediglich zur Weihnachtszeit positioniert sich der etwas abgespeckte Wochenmarkt um den auf dem Marktplatz stattfindenden Weihnachtsmarkt herum.

Marktstände vor dem Rathaus © Behrens/Groesgen
Marktstände vor dem Rathaus © Behrens/Groesgen

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